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Stasi 2.0

16. Juni 2008 - 23:36

Stasi 2.0 - das Schlagwort der aufgeklärten Internetgesellschaft. Das Logo der Bewegung, das vom Informatiker Dirk Adler entworfen wurde, ist mittlerweile auf unzähligen Internetseiten zu finden.
War «Stasi 2.0» zunächst nur als Protest gegen die gesetzliche und von Innenminister Schäuble befürwortete Vorratsdatenspeicherung gedacht, so ist der Slogan zum Selbstläufer und Synonym für jegliche Art moderner Überwachungstechnik geworden.

Text von Philipp Schmieder

In Zeiten immer neuer Überwachungsskandale ist es natürlich kein Wunder, dass die «Antiüberwachungsszene» immer weitere Anhänger findet. Wir haben für euch die drei Aufsehen erregendsten Fälle von Überwachung zusammengestellt.

Auf die Plätze, fertig, Lidl!

Am Anfang war das Wort. Und das wurde von den Spitzeln der Stasi in der DDR fleißig mitprotokolliert, so denn ein zumindest minimaler Verdacht gegen denjenigen vorlag, der es aussprach. Ähnlich lief es offenbar beim deutschen Lebensmittel-Discounter Lidl, der seine Mitarbeiter in vielen Filialen systematisch mit Überwachungskameras und von professionellen Detektiven bespitzeln ließ. Ebenso wie bei den «Kollegen» der ehemaligen DDR wurde auch hier vor intimen Details nicht Halt gemacht: Liebesbeziehungen zwischen Lidl-Mitarbeitern wurden erfasst, ebenso wie etwaige Toilettengänge.
Angeblich waren vermehrt Diebstähle in den Lidl-Märkten registriert worden, gegen die sich die Schwarz-Gruppe (ca. 44 Mrd. Umsatz anno 2006) natürlich zur Wehr setzen musste.
Konsequenzen hatte die Affäre keine - außer für die Detektive, die nun einen lukrativen Großkunden verloren haben.

T-Surveillance

Natürlich lässt sich auch der rosa - pardon, magenta - Riese nicht lumpen, denn wer könnte besser Mitarbeiter oder gar Behörden und Journalisten aushorchen als Deutschlands größter Telekommunikationsanbieter?
Die Telekom gab sich allerdings nicht mit den kleinen Mitarbeiter zufriden, sondern richtete die Lausch-Mikrofone auf ihre eigenen Aufsichtsräte und schleuste Maulwürfe in Redaktionen von Nachrichtenmagazinen und Zeitungen, etwa beim Wirtschaftsmagazin Capital, ein.
Dabei stehen Ex-Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke und der ehemalige Aufsichtsratschef Klaus Zumwinkel momentan im Zentrum des Verdachts, die Bespitzelungen in Auftrag gegeben zu haben.

Back-Attac

Ganz frisch tickerte heute die Meldung von einer bei der schweizerischen Attac eingeschleusten Spionin durch die Nachrichtenwelt. Verantwortlich dafür: Der weltgrößte Lebensmittelkonzern Nestlé, der hinter bekannten Marken wie Maggi, Smarties oder Nescafé steht.
Offenbar hat Nestlé den Sicherheitsdienst Securitas beauftragt, eine Attac-Arbeitsgruppe, die ein kritisches Buch über Nestlé herausbrachte, zu bespitzeln. Securitas entsandte Sara Meylan (der Name ist vermutlich falsch), die sich das Vertrauen der Attac-Aktivisten erschlich, an den Buch mitarbeitete, Informationen weitergab und inzwischen untergetaucht ist. Schweizer Massenmedien wie der Fernsehsender TSR haben bereits die Fahndung nach ihr ausgerufen.
Scheinbar ist dies kein Einzelfall, ein Sprecher der zuständigen Polizeibehörde gab zu Protokoll, dass man darüber informiert sei, dass Securitas mehrere Globalisierungsgegner-Organisationen infiltriert habe. Details kenne man aber keine.
Jutta Sundermann, von Attac Deutschland, kritisierte auch sogleich nicht nur die Methoden von Nestlé, sondern versetzte dem Stasi-2.0-Moloch nebenbei noch einen Seitenhieb:
«Lidl, Telekom und jetzt Nestlé - Gegner oder auch die eigenen Mitarbeiter auszuspionieren und ihre Persönlichkeitsrechte massiv zu verletzen, gehört offenbar zum normalen Geschäftsgebaren vieler Konzerne»

Immer mehr Konzerne scheinen also auf die Idee gekommen zu sein, es sei eine gute Idee, Kritiker zu infiltrieren, Mitarbeiter zu überwachen und persönliche Daten auszuwerten. Eine erschreckende Tendenz, zumal sie auch von staatlicher Seite aus, etwa durch die Vorratsdatenspeicherung, praktiziert wird. Einem jeden, der Wert auf demokratische Werte wie Rede- und Meinungsfreiheit legt, sollte dies zu denken geben - und vielleicht auch dazu anstoßen, selbst aktiv zu werden - im Kampf gegen die Über-Überwachung.

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Lidl machte den Anfang ...
Foto: cc by-nc von Nico Hogg


... die Telekom nahm den Ball auf und passte ...
Foto: cc by-nc-sa von Vidar Andersen


... zu Nestlé ins Abseits.
Foto: Niffty/Flickr.com

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Über Herrn Schäuble kann ich nur sagen, dass ich ihn persönlich noch nie gesehen oder gesprochen habe. Aber darauf auch wirklich keinen Wert lege. Denn er war mir schon unsympathisch bevor er angeschossen wurde.

stimmt

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