main zensurhaus arena 11

Abgespeist - was viele lieber nicht [wi/e]ssen

29. August 2008 - 4:52

Natürlich ist die Kinder-Schokolade aus dem Hause Ferrero nicht mehr die Gleiche, seit das Gesicht, das uns von der Verpackung anlächelt, schon nunmehr drei Jahre lang einem gewissen Kevin gehört. Aber immerhin ist sie trotzdem nicht ganz so ungesund wie andere Schokoladen, ja eigentlich sogar ein echter Ersatz für einen Arztbesuch, ist ja schließlich viel Milch drin, oder?

Text von Philipp Schmieder

Oder? Diese Frage treibt die Organisation Foodwatch, genauergesagt deren Ableger abgespeist.de um. Ja, genau dieses Foodwatch, die mit dem Acrylamid, den giftigen Zimtsternen und dem Uran im Wasser.
Denn nicht nur Ferreros Marke «Kinder» wirbt mit «mehr Milch, weniger Kakao», einem Slogan also, der versucht, den gesundheitsfördernden Aspekt des Produkts zu betonen. Auch andere Lebensmittel-Hersteller haben längst erkannt, dass für die liebe Käuferschaft gesunde Ernährung und die Authentizität von Marken mittlerweile immer größere Rollen spielen.
Wer also die Wahl zwischen «normalen» Schokoriegeln und solchen mit der «Extraportion Milch», dem «ordinären» Trinkjoghurt oder dem Joghurt-Drink mit nur 0,5 % Fett hat, entscheidet sich immer häufiger für die jeweils zweite Alternative. Warum auch nicht, mag man fragen, schließlich ist Milch ja bekanntlich gesund und weniger Fett ist auch immer gut, oder?
Betrachten wir einmal einige Beispiele, die foodwatch aufs Korn genommen hat.

Kinder Schokolade

«Das Beste aus der Milch» enthalten diese Riegel nach Angaben des Herstellers. In der Zutatenliste drückt sich das als «Magermilchpulver» und «Buttereinfett» aus, nicht gerade Zutaten, die man selbst wählen würde, um ein gesundes Mahl zuzubereiten. Dazu kommt, dass die Kult-Riegel vier Prozentpunkte mehr Fett enthalten als normale Vollmilchschokoladen; 34 % der Kinder-Riegel sind pures Fett.
Abgespeist.de hat deshalb im Januar an Ferrero geschrieben und gefragt, was man denn mit dem Slogan «Die Extraportion Milch» bezwecke und ob man nicht eigentlich die Käufer täusche. Ferrero antwortete darauf:
Gemeint ist damit - und so wird es von unseren Kunden auch verstanden, dass wenn man Schokolade verzehrt, man sich mit Kinder Riegel für eine Schokolade mit besonders hohem Milchanteil entscheidet.
Auf diese mehr oder weniger nichtssagende Antwort reagierte abgespeist.de und hakte nach, warum Ferrero so prominent mit ebenjenem Hinweis werbe und welchen Vorteil es habe, Schokolade mit einem «besonders hohen Prozentsatz an Milchbestandteilen» zu verzehren. Die Antwort folgte so prompt wie lapidar:
Unser Hinweis entspricht den Tatsachen und stellt für den Verbraucher eine nützliche Information dar.

Maggi NaturPur Spargelsuppe

Aus 100% natürlichen Zutaten hergestellt ist diese Tütensuppe der allseits bekannten Marke Maggi des Lebensmittelmultis Nestlé.
Und ohne Geschmacksverstärker, pardon, den «Zusatzstoff Geschmacksverstärker» (Nach einem Rechtsstreit mit Konkurrent Frosta, der tatsächlich keine Geschmacksverstärker verwendet, muss das nun so umschrieben werden). Ohne Geschmacksverstärker und vollkommen synthetische Inhaltsstoffe auszukommen ist für Maggi auch nicht gerade schwierig, denn schließlich gibt es ein Zaubermittle namens «Hefeextrakt», das zwar ein Geschmacksverstärker ist, aber nicht als solcher deklariert werden muss. Wie das geht? Hefe-Zellen werden in einem chemischen Prozess so verändert, dass sie die Geschmacksverstärker Glutamat, Inosinat und Guanylat bilden. Da das Ganze aber aus der Hefe kam, darf es «Hefeextrakt» getauft und muss nicht als geschmacksverstärkender Zusatzstoff deklariert werden.
Natürlich lässt die Zutatenliste weitere Fragen aufkommen: Wer bitteschön kocht eine Spargelsuppe, die hauptsächlich aus Reis- und Weizenmehl, Sahnepulver und Salz besteht?

Landliebe Landmilch

Etwas anders gelagert ist der Fall bei der «Landmilch» von Campina («Landliebe» ist eine Marke des niederländischen Milch-Imperiums). Denn das Seltsame an diesem Produkt sind nicht dubiose Zusatzstoffe oder falsch umgedeutete Bestandteile. Schließlich besteht auch die «Landmilch» wie wohl auch die meisten in Deutschland angebotenen Vollmilche [jawohl, das ist die korrekte Pluralbildung!] lediglich aus Kuhmilch.
Nur ist sie deutlich teurer und befindet sich preislich - obwohl in konventioneller Landwirtschaft hergestellt - auf dem Niveau von Biomilch. Ein Preisaufschlag, den Campina nicht etwa verwendet, um die jammernden Bauern besser zu bezahlen, eigene Kontrollen durchzuführen oder gar die Haltung der milchgebenden Kühe zu überprüfen. Schließlich ist das Geld in Marketingmaßnahmen viel besser angelegt, man könnte bei Landliebe sogar so weit gehen und die ganze Marke als «Marketing-Bluff» zu bezeichnen.
Denn außer penetranter Fernsehwerbung und einem ländlich anmutendem Produktdesign unterscheidet die «Landmilch» nichts von anderer konventioneller Milch. Sowohl die auf den Produkten angepriesenen Kontrollen als auch die «strengen Kriterien für Babynahrung», die man angeblich erfüllt sind letztlich nichts als Selbstverständlichkeiten: Zu den Kontrollen wollte sich Campina auf Nachfrage von abgespeist.de nicht äußern, man verwies aber darauf hin, dass die Milchkühe regelmäßig von Tierärzten untersucht und lediglich Futter von «zugelassenen Futtermittelherstellern» bekämen. Wer das Wort «zugelassen» kennt, kann sich denken, dass das bei anderen Molkereien wohl genauso ist. Und dass seine Tiere ab und an von Veterinären untersucht werden, kann man in der Tat von jedem Milchbauern erwarten.
Auch die Babynahrungs-Kriterien sind insofern Unsinn, da sie vorschreiben, dass nicht mehr als 10.000 Keime pro Liter Milch vorhanden sein dürfen und laut foodwatch ohnehin kaum eine Milch in Deutschland eine Keimzahl von 20.000 überschreitet. Der gesetzlich erlaubte Grenzwert liegt allerdings ohnehin fünfmal so hoch, bei 100.000 Keimen pro Liter.

Und nun?

Aufgepasst im Supermarkt, denn was gesund und authentisch aussieht ist es oft nicht.
Wer gerne noch mehr über die Unglaublichkeiten erfahren möchte, mit der die Lebensmittelindustrie die Konsumenten «abspeist», findet noch etliche weitere Produktvorstellungen bei abgespeist.de

0
Deine Bewertung: Du musst dich erst anmelden!

«Gewürze» und «natürliche Aromen» können so gut wie alles sein. Auch chemisch behandelte Holzpilzkulturen.
Foto: cc by-nc-nd von Karin Reichert-Frei


Anne Markwardt von foodwatch zeichnet sich verantwortlich für die Abgespeist-Kampagne.
Foto: Foodwatch

Kommentar Hinzufügen

Gerade im Bereich "Zutaten zu Nahrungsmitteln" gilt es allderdings auch noch zu erwähnen, dass die Bevölkerung zum einen zunehmend nicht mehr in der Lage ist, die Zutatenliste zu verstehen, resultierend (und das nur als Beispiel am Gymnasium) aus zum Teil rigoros zurückgefahrener naturwissenschaftlicher Allgemeinbildung; zum anderen führt dieses mangelnde Verständnis auch zu mangelndem Interesse.
In erster Linie werden die Produkte gekauft, die sich am einfachsten und schnellsten zubereiten lassen, und zusätzlich noch preiswert sind. All diese Kriterien sind jedoch kaum bei gleichzeitig hoch gehaltenen Unternehmensgewinnen vereinbar, besonders in Bezug auf "preiswert".
Nun gut, ich denke, das muss jeder für sich selbst entscheiden; und vielleicht gelegentlich auch mal wieder die Brille aufsetzen und das Kleingedruckte - das ja für jeden sichtbar aufgedruckt ist - lesen. Und sich dazu Gedanken machen, wenn man das noch kann.

... liest bei möglichst allem was er isst erst einmal die Zutatenliste.
Zumindest weiß ich dann, was ich Ungesundes esse - oder lasse es dann dementsprechend bisweilen doch bleiben.

Man könnte meinen, man wäre nur in der Lage die Inhaltsstoffeaufstellung zu verstehen, wenn man mindestens die 11. Klasse des Gymnasiums absolviert hat? Sehr selbstbewusst Herr «redakteur»! Aber ganz davon abgesehen, was auf der besagten Liste oder den Beipackzetteln von Medikamenten steht, wir müssen essen und viele müssen Medikamente zu sich nehmen. Mit den «Nebenwirkungen» müssen wir halt leben. Oder meint ihr, dass irgendetwas auf dieser Welt noch «gesund» ist? Die Hoffnung hab ich schon lange aufgegeben. Und erzählt mir nicht, dass bio wirklich immer bio ist. Bei der explosionsartigen Nachfrage in den letzten Jahren - vor allem in Deutschland - kann man doch davon ausgehen, dass da auch nicht alles koscher ist.

Lt. Wikipedia: Werbung dient der gezielten und bewussten Beeinflussung des Menschen zu meist kommerziellen Zwecken. Der Werbende spricht Bedürfnisse teils durch emotionale, teils informierende Werbebotschaften zum Zweck der Handlungsmotivation an. Werbung appelliert, vergleicht, macht betroffen oder neugierig. -> und ist - frei nach Pandora - schlichtweg legaler Betrug!

Und ob Günter oder Kevin oder sonstwer von der Packung lacht, die Schoko esse ich ab und an trotzdem ganz gerne. Und das ganz bestimmt nicht wegen irgendeiner schwachsinnigen Werbung. Die ist einfach KULT und schmeckt.

Die Sache mit der Spargelsuppe ist natürlich das LETZTE. Aber leider kein Einzelfall. Tja, schade, dass so wenig Menschen Interesse am selber kochen haben. Immer muss Alles schnell gehen, um Zeit zu sparen. Dabei wäre es so einfach, größere Mengen zu kochen und die übrigen Portionen einzugefrieren. Das spart nicht nur Energiekosten, sondern man hat nur einmal die Arbeit und kann mehrfach Selbstgekochtes genießen. Aber für solche Ideen bräuchte es dann erst einmal eine eigene Sendung à la Putzteufel, Auswanderercoach, etc. Und da kann ich dir «redakteur» nur zustimmen, denn mit dem Denken, ist es oft wirklich so eine Sache ... Außerdem, was machen wir eigentlich mit der ganzen gesparten Zeit?

Da machen wir uns gerade noch Gedanken um gesundes Essen, steht doch heute in der FAZ, dass in New York reihenweise Häuser ohne Küchen gebaut werden. Nachdem damit zu rechnen ist, dass der Trend dann auch zu uns herüberschwappt, will Nestlé deshalb auch weiter in die Außer-Haus-Verpflegung investieren. Erfreulich dabei ist dann wohl, dass der Konzern meldet, dass das Fertigessen zunehmend gesünder wird ...

Hm ... Wohnungen ohne Küchen? Macht Sinn, wenn 3 von den ca. 11 Mio. New Yorkern sowieso in die Suppenküche gehen, um ihre warme Mahlzeit einzunehmen :S ... Zugegeben, die könnten sich dann aber die Wohnungen nicht leisten ... Obama wirds schon richten ;)

Kommentar hinzufügen

  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • Zulässige HTML-Tags: <a> <em> <strong> <cite> <code> <ul> <ol> <li> <dl> <dt> <dd>
  • Zeilen und Absätze werden automatisch erzeugt.

Weitere Informationen über Formatierungsoptionen