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Bodenseecamp 2008 - Medien grenzenlos

13. August 2008 - 18:40

Gehen die Grundrechte baden? Das zentrale Thema dieser Veranstaltung. Und um die Antwort gleich vorwegzunehmen. Ja, die Grundrechte gehen baden, auch im übertragenen Sinn. Denn jeder Teilnehmer wurde mit einem unserer geltenden Grundrechte - mit Hilfe schwarzer Tattoofarbe auf seiner nackten Haut verankert – versehen. Und ging mehr oder weniger oft damit im Bodensee baden.

Text und Fotos von Lisa Roderer

Von den Körpern sind die Grundrechte nach drei bis sieben Tagen sicherlich wieder verschwunden. Dann bleibt nur noch zu hoffen, dass sich die echten als resistenter erweisen ...

Noch ist es still hier, am Ufer des Bodensees, in der Nähe von Markelfingen. Die Zelte warten ruhig und gelassen auf ihre neuen Bewohner. Die Insekten und Mäuse haben ein beschauliches, erholsames Leben. Noch, denn schon tummeln sich die ersten Orgas, um noch die letzten Vorbereitungen zu treffen. Holz wird gehackt, die Feuerstelle für das abendliche Lagerfeuer hergerichtet. Auch treffen gerade die ersten Teamer und Teilnehmer ein. Eine herzliche Umarmung hier, ein Händedruck da. Aber auch ein paar traurige Gesichter, weil der ein oder andere Teilnehmer des letzten Jahres nicht gekommen war ... So waren auch Lucia und Laura sichtlich traurig, weil Philipp nicht mitkommen konnte und ihnen sein trockener Humor ganz gewiss fehlen würde ... Doch aufgrund der gnadenlos vom Himmel herunter brennenden Sonne stellen sich auch schon einige die Frage, ob es dieses Mal genauso heiß wird, wie im letzten Jahr. Böse Vorahnungen überkommen einen jeden, der die Zelte betritt, die warme und stickige Luft löst sie spontan aus. Fast instinktiv greift man nach seinen Badesachen und schon geht es auf in die Fluten des klaren, türkisgrünen und herrlich erfrischenden Bodensees. Und schon nach ein paar Zügen, stellt sich das Motto des diesjährigen Bodenseecamps wie von ganz alleine und selbstverständlich ein: FREIHEIT! Einige Zeit später und mit kühlem Kopf und Körper zurück beim Check-In, wird man schon von einer wahrhaftigen Menschentraube erwartet.

Halt! Stop! Hier gibt’s gar keinen Fernseher ... Nichtsdestotrotz wird das BSC zur besten Sendezeit, um 20:15 eröffnet.

Die Orgas haben alle Hände voll zu tun. Einchecken, Wege beschreiben, Workshops verteilen, Getränkebons ausgeben. Während sich der Zeltplatz des DGB (Deutscher Gewerkschaftsbund) füllt, haben auch die Fotografen allerhand zu tun. Ihre Aufgabe ist es von jedem Neuankömmling ein Foto zu knipsen, das dann später an einer Wäscheleine aufgehängt wird, damit man sich von jedem der 85 Teilnehmern aus der Schweiz, Österreich, Deutschland, Belgien, Brasilien und Tschechien ein eigenes Bild machen oder Freunde bzw. Bekannte aus den letzten Jahren wiederfinden kann. Leider ist es durch die vielen verschiedenen Workshops kaum möglich, mit allen in Kontakt zu kommen. Nach einem gemeinsamen Abendessen hat man etwas Zeit sich umzusehen, eine weitere Runde schwimmen zu gehen oder einfach zu quatschen. Dann, zur besten Sendezeit ... Halt! Stop! Hier gibt’s gar keinen Fernseher ... Also gegen 20.15 Uhr zieht Anina, eine Organisatorin aus der Schweiz, mit den Worten: «Wer von euch ist noch nicht 18?» die Aufmerksamkeit auf sich. Nachdem nur sehr wenige Handzeichen zu bemerken sind, schaut sie triumphierend in die Runde und erklärt: «Okay, kein Sex für euch!» Darauf ein herzliches lautes Lachen und das 4. Internationale Bodenseecamp ist eröffnet. Während die einen mit einem überdimensionalen Twister-Spiel beschäftigt sind, versuchen mehrere Orgas, wie das Organisationsteam auch gerne genannt wird, das Lagerfeuer in Gang zu bekommen, doch scheitern diese 12 Versuche kläglich. Müde sinken wir in unsere harten Betten bzw. «Hängematten».

China kann den Deckel nicht mehr auf dem Topf halten, etwas darunter will herausFDP-Politiker Florian Toncar über Chinas «Große Firewall»

Nach meinem Knuspermüslifrühstück geht es zum Radioworkshop. Noch bevor unsere Teamerin, Elena Ibello, die Begrüßungsworte spricht, entlockt es mir ein Lächeln. Denn auf unseren Tischen liegen viele kleine lila Milka Schokohappen ... Wer hat's erfunden? Genau, die Schweizer! Auch dieses Jahr haben sie wieder 10 kg Schoki im Gepäck und helfen uns so die stressigen Workshopphasen zu überstehen. Und jetzt geht’s auch schon mit Vollgas los mit der stundenlangen, jedoch nicht langweiligen, Theorie. Nach unserem gemeinsamen Mittagessen geht es schon weiter zur Podiumsdiskussion mit Hao Gui, Redakteur der «Deutschen Welle», und dem Sprecher für Menschenrechte und humanitäre Hilfe der FDP-Bundestagsfraktion, Florian Toncar, zum Thema «Wie steht es mit den Rechten im Reich der Mitte?». Um Hao Gui zusammenfassend zu zitieren: «Es wird nirgendwo in der Welt so gründlich und großflächig zensiert, wie es in China der Fall ist (Great Firewall of China). Aber eines kann selbst die Regierung nicht ignorieren: Chinas Jugendliche sind mitten im Wandel, heran an einen europäischen Lebensstil. China muss lernen mit Kritik besser umzugehen.» Toncar ist außerdem der Meinung, dass die Regierung den enormen Wunsch nach Freiheit einfach nicht mehr vollständig kontrollieren kann. «China kann den Deckel nicht mehr auf dem Topf halten, etwas darunter will heraus.» Weiterhin sei es falsch zu schweigen, zu kritisieren und Fortschritte zu ignorieren, aber auch: «Wir dürfen China nicht nur als Gegner betrachten, sondern auch als einen wichtigen Partner.» Die anfangs gequälten Gesichter der Zuhörer hellen sich während der Diskussion zunehmend auf. Denn die Diskussion ist weder langweilig noch uninteressant. Wir sind uns am Ende einig, dass dies ein Highlight dieses Camps ist. Weiter geht es dann mit der zweiten Workshopphase. Danach ein erfrischendes Bad im Bodensee und chillus ... Bis zur Kurzfilmnacht, die eher lang ist.
Am Montag ist die heiße Phase, denn bis zum Abend müssen alle Projekte fertig sein. Folglich rennen Teilnehmer der verschiedenen Workshops über den Zeltplatz, um zu interviewen, fotografieren und zu filmen. Nun heißt es die Theorie in die Praxis umzusetzen. Nach zahlreichen Interviews gehen wir in unser Zelt, um die Beiträge zu schneiden, mit Musik zu untermalen und die Moderation einzufügen. Um 22.00 Uhr ist unsere 10-minütige Sendung dann endlich fertig, gerade noch rechtzeitig zum Beginn der Abschlusspräsentation. Danach sind die ersten Ergebnisse der Workshops Foto digital, Kreatives Schreiben, Interview und Zaubern zu bestaunen. Dies wird mit viel Beifall und lautem Lachen honoriert.

Wir sehen uns ...Bei den Bayerischen JugendMedientagen in München!

Nach einer letzten Portion Knuspermüsli mit Blick auf den See, geht es auch schon ans Packen. Kaum erledigt, geht es auch schon weiter zu Teil 2 der Abschlusspräsentation. Das Improvisationstheater führt unter dem Motto «Auf der Suche nach dem Schlaf» ein kleines Stück zur Motivation auf - schließlich müssen wir noch den gesamten Zeltplatz von Zigarettenstummeln und anderem Müll säubern. Gesagt, getan. Belohnung dafür ist noch die Radiosendung, die Ausgabe der Campzeitung, des Schnipselexemplars und der Doku über das BodenseeCamp '08. Pünktlich zum Schluss des Camps fängt es an zu regnen. Passt zur Stimmung, denn jetzt heißt es Abschied nehmen. Doch nicht für lange, denn spätestens zu den Bayerischen JugendMedienTagen sehen sich viele von uns wieder.

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Freiheit! Chillus.


Wiedereinmal wurden die unschuldigen «Teilis» von ominösen Kamerateams verfolgt.


Die Teilnehmer des Bodenseecamps zeigten Flagge - bzw. diverse Körperteile - für die Freiheit.


Haste mal ne Mark? Auch der alte Getränkeautomat war wieder mit von der Partie.


Alles hat ein Ende - und so gingen auch beim Bodenseecamp '08 irgendwann die Lagerfeuer aus.

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