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One World, One Dream.

10. August 2008 - 21:19

«Eine Welt, ein Traum», ein träumerisches Motto für die prächtigsten Olympischen Spiele, die die Welt je gesehen hat - in Peking, etwa 7500 Kilometer vom ursprünglichen Austragungsort in Griechenland entfernt. Nach der grandiosen Eröffnungsfeier zeigt sich nun die ganze Welt begeistert und verfolgt das einmalige Spektakel im TV. Die ganze Welt?

Text von Philipp Schmieder

Nunja, die etwa 5,2 Millionen in «China» lebenden Tibeter freuen sich sicherlich ebenso wenig wie ihre im Exil lebenden Landsmänner (etwa 100.000), die Tausenden, die im Zuge der Bauarbeiten für die Spiele in Peking ihre Häuser räumen mussten, oder auch die unbezifferte Anzahl der politischen Gefangenen in den Gefängnissen der KP.

As the Olympics approach, prisoners have been put under severe control and surveillance-He Depu, chinesischer Dissident, inhaftiert im Gefängnis Peking 2

Man müsse China eine Chance geben, dürfe die Spiele nicht politisieren. So lauten die Parolen vom IOC (dem internationalen olympischen Kommitee) und vom Politbüro in Peking. Doch sind diese Forderungen genauso verlogen wie die geradezu scheinheilig ausgedrückten Bitten der internationalen Gemeinschaft, man möge im Reich der Mitte doch die Menschenrechte beachten. Bitte. Vielleicht.
Natürlich ist es nicht sonderlich verwunderlich, dass China gerade jetzt, wo die ganze Welt auf die aufstrebende Wirtschaftsmacht blickt, möglichst wenig Scherereien mit Dissidenten haben möchte - und noch härter gegen Andersdenkende durchgreift. Dabei schaut man im «Westen» nicht nur gerne weg; Unternehmen aus so genannten freiheitlichen Ländern unterstützen das pseudokommunistische Regime in China sogar. Beispiele gefällig?

Shi Tao

Shi Tao ist ein chinesischer Journalist und Dichter, der mithilfe des amerikanischen Web-Konzerns Yahoo! (der, nebenbei bemerkt, ebenso wie Google die chinesische Internetzensur unterstützt) im Jahr 2004 inhaftiert und Ende April 2005 zu zehn Jahren Gefängnis verutrteilt wurde. Yahoo! ermittelte ihn als Sender einer E-Mail, die ein Dokument der chinesischen Regierung enthielt, das allen chinesischen Journalisten zugeschickt worden war, um sie bezüglich des 15. Jahrestags des Massakers am Platz des himmlischen Friedens auf Linie zu bringen, und leitete seine Daten an die KP weiter - obwohl Yahoo! genau darüber informiert war, aus welchem Grund und mit welchen Ziel die chinesische Staatssicherheit Informationen über den E-Mail-Account huoyan1989[at]yahoo.com.cn haben wollte. Mittlerweile soll sich Yahoo!-Chef Jerry Yang bei Gao Qinsheng, Shi Taos Mutter, für das Verhalten des Konzerns entschuldigt haben.
Shi wurde 2007 der «Golden Pen of Freedom» der Weltzeitungsorganisation WAN (zu der auch der deutsche Verband der Zeitungsverleger gehört) in Abwesenheit zugesprochen. Seine Mutter nahm den Preis an seiner Statt entgegen. Ihre bewegende Rede könnt ihr euch entweder hier bei GSO (am Ende des Artikels) im Original auf Chinesisch oder auf der Internetseite der WAN in einer englischen Übersetzung, ansehen. Am Besten tut ihr beides.
Shi Tao wird zur Zeit in Changsha, in der Provinz Hunan, festgehalten.

He Depu

«An den ehrwürdigen Präsident des Olympischen Komitees, Jaques Rogge:
Hallo!
Ich bin ein politischer Gefangener in China. Weil ich im Jahr 2002 Texte über meine politischen Ansichten geschrieben und im Internet veröffentlicht habe, wurde ich von der chinesischen Regierung zu 8 Jahren Gefängnis verurteilt.»

So beginnt der offene Brief, den der Dissident He Depu, der unter anderem an der Gründung der verbotenen demokratischen Partei Chinas (China Democracy Party, CDP) beteiligt war, aus seiner Zelle im Gefängnis Peking 2, in dem er festgehalten wird, schmuggeln (lassen) konnte.
He Depu wurde im November 2002 aufgrund von kritischen Essays, die er im Internet veröffentlicht hatte, und seinen Verbindungen zur CDP festgenommen und im Gefängnis Peking 2 inhaftiert. Der komplette Brief (englisch) ist hier auf der Seite der Organisation «Human Rights in China» (HRIC) zu finden. Reporter ohne Grenzen (Reporters sans frontières, RSF) berichtete anno 2006, dass He in einem kritischen Gesundheitszustand sei: Er leidet unter Bluthochdruck und ist stark abgemagert. Außerdem hat er Probleme mit dem Gehör, seit er von einem Polizisten brutal ins Gesicht geschlagen wurde. He wurde vielfach gefoltert. So musste er laut HRIC einmal 85 Tage lang ununterbrochen stehen. Die chinesische Regierung verweigerte ihm jegliche Behandlung. Sein aktueller Zustand ist - insbesondere in Hinblick auf den veröffentlichten Brief - unklar.

Zhang Lin

Zhang Lin veröffentlichte im Internet (ebenso wie He Depu bezeichnet man ihn deshalb als «Cyber-Dissident») Essays, die laut der chinesischen Verwaltung «die nationale Einheit und terretoriale Souveränität gefährden». Er habe «Lügen verbreitet und die öffentliche Ordnung und die Stabilität des Landes gestört».
Zhang hatte sich über längeren Zeitraum für Menschenrechte und Demokratie in China eingesetzt. Ein Verbrechen, für das er seit 2005 fünf Jahre in einem Gefängnis in Bengbu, in der Provinz Anhui, büßen muss.

Und nun?

Die Chance, durch die Olympischen Spiele in Peking die Situation der Minderheiten, der Demokratie oder der Menschenrechtler zu verbessern, scheint vertan. Möglicherweise hat es sie auch nie gegeben; wenn man die Reaktionen von IOC-Chef Rogge auf He Depus Brief oder die Forderungen von humanitären Organisationen ansieht, stellen sich ernste Zweifel an der Ernsthaftigkeit der Forderungen von IOC und den westlichen Regierungen ein. Schließlich wurde auch die immer noch nicht aufgehobene Internetzensur mehr oder weniger klaglos hingenommen.
Übrigens, auch von Hitlers Olympischen Spielen 1936 zeigte sich die Weltöffentlichkeit überaus begeistert. Vielleicht ist auch in China zumindest ein Ende mit Schrecken abzusehen, denn freiwillig wird die KP die Menschenrechte sicherlich nicht so schnell akzeptieren.

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Eines von nur zwei kursierenden Fotos, das den Regime-Kritikers He Depu, der an der Gründung der demokratischen Partei Chinas beteiligt war, zeigt. Er konnte einen offenen Brief an IOC-Präsident Rogge aus dem Gefängnis schmuggeln.


Zhang Lin, ein «subversives Element», wurde für seine Meinungsäußerungen zu 5 Jahren Gefängnis verurteilt.
Foto: Reporters sans Frontières


Foto aus besseren Zeiten - Der chinesische Journalist Shi Tao vor seiner Verhaftung

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War Frau Dr. Angela Merkel in China, hat sich noch mal ganz kurz solidarisch mit den Tibeter gezeigt, in dem sie die Menschenrechtsverletzungen angesprochen hat. Aber danach sind sie gleich umgeschwenkt aufs Tagesgeschäft ... Na ja und zur Aussöhnung. Was solls die Olympischen Spiele sind vorbei und Schwamm drüber ... Schließlich müssen wir angesichts der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise zusammenhalten.

Ihr Kollege, der sehr verehrte Herr Sarkozy legt dann auch noch etwas nach ... Einmischung des Staates bei den Banken UND großen Industriebetrieben ... Und natürlich fordert er das für alle europäischen Länder. Können wir unsere Staatsform in diesem Fall wirklich noch als Demokratie bezeichnen bzw. wie weit sind wir dann noch vom Kommunismus entfernt?

Nette Definition:

Was ist Kommunismus?

Früher, bevor es Nationalstaaten gab, also zur Zeit der Könige und Fürsten, war der Besitz unter den Menschen sehr ungleich verteilt. Während die einen im Luxus lebten und ihr Essen mit Blattgold verzierten, hatten die Bauern kaum etwas zu essen und verhungerten fast, besonders während schwerer Winter.

Stimmt so wird es uns nicht ergehen ... wir haben ja schließlich Suppenküchen und strenge Winter dürften auch der Vergangenheit angehören ;)

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