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Separatismus in Europa: #1: Belgien

8. August 2008 - 0:18

In einer neuen Reihe, in der wir uns mit separatistischen Bewegungen in ganz Europa widmen, machen wir den Anfang mit dem kleinen westeuropäischen Königreich Belgien, mitten im Herzen der Europas. Dort ist es mit dem friedlichen Zusammenleben im einstigen Vorbildland der EU längst vorbei.

Text von Karl Oßwald

Belgien ist ein ganz normales, kleines Königreich mit etwa 10 Millionen Einwohnern mitten in Europa. Nun ja, nicht ganz normal. Immerhin gibt es dort drei Sprachgemeinschaften: die niederländische, die französische und die deutsche. In Europa ist das aber eigentlich nicht weiter verwunderlich; jedes Land hier hat seine Sprachminderheiten. In Belgien funktioniert das friedliche Zusammenleben allerdings nicht mehr so ganz; es scheint, als stünde die Teilung kurz bevor. Deshalb beschäftigen wir uns im Rahmen einer neuen Reihe mit dem rot-gold-schwarzen Land. In Belgien aber lässt sich nicht so recht zwischen Mehr- und Minderheit unterscheiden, da zwar die niederländischsprachigen Flamen die Mehrheit (60 % der Bevölkerung) stellen, das Französische jedoch eine stärkere historische Position einnimmt.
Zunächst mal einen Exkurs in die Geschichte. Etwas, worüber man in unserem Geschichtsunterricht natürlich nichts lernt – aber über den Sinn oder vielmehr Unsinn des Geschichtslehrplans will ich mich nicht auslassen, damit könnte ich glatt eine weitere Serie füllen ...

Napoleon war schuld ...... mal wieder

Wie ist der belgische Staat entstanden? Schuld ist mal wieder Napoléon. Das Gebiet der heutigen Benelux-Staaten war bis dahin ein bunt schillernder Flickenteppich. 1794 von französischen Truppen besetzt, wurde auf dem Wiener Kongress 1815 das „Vereinigte Königreich der Niederlande“ geschaffen, als dessen König Wilhelm Friedrich Prinz von Oranien-Nassau eingesetzt wurde. Aber schon 15 Jahre später kam es im belgischen Süden zur Revolution. Gründe waren der Versuch König Wilhelms, das Niederländische auch im französischsprachigen Teil seines Landes zu etablieren sowie angebliche Benachteiligung der katholischen Bevölkerung und vor allem wirtschaftliche Konflikte. 1839 musste schließlich auch der König die Souveränität Belgiens anerkennen. Der gewählte belgische Nationalkongress etablierte eine konstitutionelle Monarchie mit Leopold Georg Christian Friedrich von Sachsen-Coburg-Saalfeld als König.
Die Belgier hatten nun also ihren eigenen Staat – schön und gut. Den Spieß drehte man jetzt lustig um und unterdrückte het Nederlandse taal. Einzige Amts- und Unterrichtssprache war das Französische. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde stufenweise die Gleichberechtigung der beiden Sprachen eingeführt, aber erst 1967 wurde eine offizielle niederländische Version der Verfassung eingeführt.
Ein wenig komplizierter wurde die Situation, als nach dem ersten Weltkrieg einige ehemals deutsche Gebiete Belgien zugesprochen wurden. Die deutsche Minderheit macht aber weniger als ein Prozent der Bevölkerung aus und ist am Konflikt weitgehend unbeteiligt, profitiert aber von der Gleichberechtigung der Sprachen, da das Deutsche dritte Amtssprache wurde.

Nach dem zweiten Weltkrieg kam es erneut zu Konflikten. Das bis dahin wirtschaftlich starke französischsprachige Wallonien wurde langsam vom niederländischsprachigen Flandern überholt, da sich die Schwerpunkte der Wirtschaft verschoben. Das bisher zentralistische Belgien wurde mehr und mehr zum föderalen Staat. 1962 wurden die Sprachgrenzen festgestellt. Das Land wurde in zwei Teile geteilt: Flandern und Wallonien. Zu Flandern zählt aber auch das zweisprachige (mittlerweile fast französischsprachige) Brüssel und zu Wallonien auch die deutschsprachigen Gebiete. Es kam nach und nach zu einer einzigartigen politischen Situation: Die Parteien treten nur noch in ihren jeweiligen Sprachgebieten an. Für die Wahlen der Parlamente auf „Gemeenschapsniveau“ ist das ja nicht weiter schlimm – problematisch ist es aber bei den Wahlen zum „Federaal Parlament“. Das führt dazu, dass es z. B. zwei „grüne“ Parteien gibt, die flämische Variante namens „Groen!“ sowie die wallonische „Ecolo“. Noch schädlicher als diese Teilung ist aber, dass bestimmte Themen dann auch nur von den flämischen bzw. wallonischen Öffentlichkeit diskutiert werden, da die meisten Bürger eben nur das Medienangebot ihrer jeweiligen Sprache nutzen. Mittlerweile hat sich auch das Englische als Lingua Franca – gerade zwischen jungen – Belgiern aus verschiedenen Landesteilen fest etabliert.

49,7 % der Flamen wollen eine Teilung BelgiensLaut einer Umfrage von «Het Laatste Nieuws»

Aber wie sieht denn dann die mögliche Zukunft Belgiens aus?
Innerhalb der Sprachgemeinschaften haben sich mittlerweile unterschiedliche Richtungen entwickelt.
Zunächst einmal gibt es natürlich noch immer „het Belgicisme“, der sich für eine Rückkehr zum Zentralstaat einsetzt, um ein Auseinanderbrechen Belgiens zu verhindern. Diese Einstellung ist in Wallonien häufiger anzutreffen als in Flandern.
In Flandern gibt es verschiedene mehr oder weniger separatistische Bewegungen. Es gibt dort zum einen die flämische Unabhängigkeitsbewegung, die einen flämischen Staat mit Brüssel als Hauptstadt oder eine Vereinigung Flanderns mit den Niederlanden anstreben.
Etwas gemäßigter sind die Konföderalisten. Sie streben mehr Freiheit für die Sprachgemeinschaften an, wollen aber den belgischen Staat beibehalten.
Noch gemäßigter sind die Föderalisten, die die jetzige Linie weiter verfolgen wollen. Ihr Konzept ist gut mit der aktuellen Organisation Deutschlands zu vergleichen.
So gut wie ausgestorben ist mittlerweile die Bewegung der „Orangisten“, die eine Wiederherstellung des Vereinigten Königreichs der Niederlande – also einen Zusammenschluss Belgiens mit den Niederlanden – zum Ziel hat.
Vier der sechs flämischen Parteien im Bundesparlament sind als mehr oder weniger separatistisch einzuordnen.
Laut einer Umfrage von „Het Laatste Nieuws“ vom 7. Juni wollen 49,7 % der Flamen die Unabhängigkeit, 45,7 % sind dagegen. Im November waren es noch 44 %, im August letzten Jahres 38,8 %.
Auf wallonischer Seite gibt es ähnliche Autonomie-Bewegungen, die jedoch nicht sehr stark sind.
Allerdings gewinnt in letzter Zeit der so genannte „Rattachismus“ bzw. „Réunionismus“ an Zulauf. Diese Bewegung strebt einen Anschluss Walloniens an Frankreich an. Laut einer Umfrage des Französischen Instituts für Meinungsforschung, Ifop, wären im Falle einer Abspaltung Flanderns 49 % der Wallonen für einen Anschluss an la République française.

So weit zur Theorie. Aber wie wird sich das auf die Zukunft Belgiens auswirken?
Gewisse Ereignisse legen nahe, dass eine Teilung kurz bevor steht oder zumindest ohne weiteres möglich wäre.
2006 sendete der frankophone Fernsehsender RTBF eine fiktive Live-Dokumentation namens „Tout ça (ne nous rendra pas la Belgique)“ (dt.: Das alles (wird uns Belgien nicht zurückbringen) ), in der berichtet wurde, Flandern hätte seine Unabhängigkeit erklärt und der König sei aus dem Land geflohen. Am Anfang wurde kurz „Ceci n'est peu-être pas une fiction“ - „Dies ist vielleicht keine Fiktion“ eingeblendet. Trotzdem nahmen 90 % der Zuschauer die Nachricht ernst. 2600 riefen noch während der Ausstrahlung beim Sender an. Die Internetseite des RTBF brach ebenso zusammen. Auf Betreiben der Medienministerin der französischen Gemeinschaft Belgiens wurde nach einer halben Stunde der Satz „dies ist eine Fiktion“ eingeblendet. Die Reaktion zeigt, wie wahrscheinlich eine Spaltung des Landes ist.
Das letzte Ereignis, das auf die Tiefe des flämisch-wallonischen Konflikts hinweist, ist das am 14. Juli eingereichte Rücktrittsgesuch des belgischen Präsidenten Yves Leterme. Schwierig genug war schon die Bildung einer Regierung – immerhin sind im belgischen Parlament zwölf Parteien vertreten. Eine Koalition aus fünf Parteien war nötig, um eine Mehrheitsregierung zu stellen. Am 20. März wurde der neue Präsident vereidigt. Die neue Regierung setzte sich zum Ziel, bis zum 15. Juli eine Staatsreform auszuarbeiten, die die Kompetenzen von Staat und Regionen neu verteilen soll, um dem lähmenden Sprachenkonflikt ein Ende zu bereiten. Der Versuch scheiterte. König Albert lehnte das Rücktrittsgesuch trotzdem ab. Er beauftragte die Politiker François-Xavier de Donnea, Raymond Langendries sowie Karl-Heinz Lambertz damit, das Problem zu lösen. Am 22. Juli stellte sich heraus, dass der Präsident scheinbar sowieso kein großes Interesse an Belgien hegt: Auf die Frage, warum der 21. Juli der Nationalfeiertag ist, antwortete er, an diesem Tag sei die Verfassung proklamiert worden – tatsächlich aber legte der erste belgische König seinen Eid auf die Verfassung ab. Als er danach darum gebeten wurde, die belgische Nationalhymne anzustimmen, begann er, die französische Marseillaise zu singen. Man könnte ja ein politisches Statement hineininterpretieren, Leterme sympathisiere mit dem Réunionismus – aber er ist Flame.

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Szenen von einer Demonstration flämischer Nationalisten im Mai vergangenen Jahres.


Auch viele Intellektuelle gehören zu den Separations-Befürwortern.


Bereits Kinder werden mit nationalistischem Gedankengut geimpft.
Fotos: cc-by von skender/flickr.com


Wie könnte ein Europa aussehen, in dem die Seperatisten die Oberhand haben? dein.gs hat sich für euch Gedanken gemacht.
Grafik: Karl Oßwald

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