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Warmensteinach steht auf

28. September 2008 - 14:32

Theresa, Klaus und Johannes gehören zu sozial schwachen Gesellschaftsgruppen und sind damit leichte Beute für extremistische Parteien. Solche Gruppierungen sind keineswegs «ganz weit weg» vom beschaulichen Bayreuth: Die rechtsextreme NPD möchte im zum Landkreis gehörenden Warmensteinach ein Schulungszentrum für ihre demokratiefeindlichen Lehren eröffnen - doch mutige Menschen standen auf.

Text und Fotos von Andreas Gebauer

Theresa S., 87, ist von Beruf Rentnerin. Vor einigen Jahren musste sie ihr kleines Häuschen verkaufen und in eine billige Drei-Zimmer-Wohnung in der Stadt umziehen, weil sie die Heizungskosten des schlecht isolierten Gebäudes nicht mehr zahlen konnte. Ihre Tochter lebt in Hamburg und kommt sie drei Mal im Jahr besuchen, ansonsten ist sie allein in ihrer neuen Umgebung. Gestern ging sie wieder zum Einkaufen, und achtete besonders darauf, möglichst sparsam zu bleiben – bei ihrer geringen Rente sei einfach nicht mehr drin, erklärt sie, in ihrer geflickten Jacke gegen den Wind ankämpfend. Für sie ist der 28. September 2008 der Tag der Abrechnung, sie werde «die Linke» wählen, in ihren Augen die einzige Partei, welche die sozialen Probleme zu lösen vermag.

Klaus M., 52, ist von Beruf Langzeitarbeitsloser. Nicht, dass er einer dieser Schmarotzer wäre, die schlichtweg zu faul zum Arbeiten wären, nein, von denen will er sich kategorisch distanzieren. Er fühlt sich dennoch betrogen, seiner Lebensfreude geraubt und ausgegrenzt aus der Gesellschaft, seit die kleine Firma, bei der er bis vor fünf Jahren gearbeitet hat, ihre Tore für immer schloss. Heute, am 28. September 2008, ist es für ihn Zeit, Rache zu üben an all denen, die sein Leid und seine Not in ihrer Ignoranz gefördert haben, denen, die in seinen Augen alleine Schuld sind an der Misere der vergangenen Jahre. Er wird seine Stimme der NPD geben. Es müsse Schluss sein mit der Fehlpolitik der vergangenen Jahre, sagt er.

Johannes P., 23, hat zwar einen Job, doch interessiert er sich recht wenig für Politik. Er fühlt sich vernachlässigt von den «hohen Herren», die sich so wenig für seine Probleme interessieren. Auch er wird Rache üben – indem er gar nicht mehr wählen geht.

Jene drei vollkommen unterschiedlichen (übrigens rein fiktiven) Stereotypen haben eines gemeinsam: Durch ihr Verhalten stellen sie einen Nährboden für extremistische Parteien in Deutschland dar, einen Nährboden, dessen Bedeutung in den letzten Jahren unaufhaltsam zugenommen zu haben scheint. Noch sind diese Parteien häufig gestaltlos und nicht greifbar, doch andernorts hinterlassen sie bereits deutliche Spuren…
Wir schreiben den 27. September 2008, und es ist kalt in Warmensteinach, kalt und dunkel. Zehn Minuten lang läuten die Kirchenglocken, nicht nur in der kleinen, unbedeutenden Gemeinde, sondern im ganzen Fichtelgebirge, warnend verhallen sie in der anbrechenden Nacht. Über Jahrhunderte hinweg galt ihr mächtiger Klang als Symbol der Warnung und Hoffnung zugleich; und auch heute Abend warnen sie, eindringlich wie vielleicht nie zuvor in dem kleinen Luftkurort, sie warnen vor Gleichgültigkeit und Ignoranz, vor Desinteresse und falscher Bequemlichkeit, die bereits einmal vor über sechzig Jahren in nie zuvor gekannter Weise den Mensch des Menschen Wolf werden ließen. Sie warnen vor einer Gruppierung, die sich in direkter Nachfolge sieht zu einem Regime, das für den Tod von Millionen Menschen verantwortlich ist.
Einer Gruppierung, die auch in unserer Region, in Warmensteinach durch den Kauf des Gasthofes Puchtler, auftritt, und ihre Ideologie des Fremdenhasses und der Unterdrückung auch nach sechzig Jahren der Aufarbeitung zu verbreiten sucht. Einer Gruppierung, deren Name auch in unserer Region kein unbekannter mehr ist: Der NPD. Sie scheint, zumindest teilweise, wieder in unsere Gesellschaft zurückgekehrt und hoffähig geworden zu sein. Ihre Wahlplakate hängen überall, ihre Vorgehensweise findet Eingang in die Tagespresse, ihre Kandidaten treten nicht mehr als Fanatiker, sondern als smarte Leistungsträger auf.
Doch zumindest in Warmensteinach scheint sich die Demokratie mit den Waffen, die ihr in die Hand gelegt worden sind, offen zu wehren: Dem Recht der freien Meinungsäußerung, der Diskussion und des Dialogs. Und so sind die Bürger des Ortes und der umliegenden Gemeinden zum Klang der Kirchenglocken zusammengekommen, um mit ihren Windlichtern, die sie zum ökumenischen Gottesdienst mitgebracht haben, symbolisch Licht in die Dunkelheit über dem Ort zu tragen und sich gegen die Errichtung des geplanten rechtsextremen Zentrums zu stellen. Und so wird aus Hunderten einzelner Lichter ein Lichtermeer, und hinter jedem Licht steht ein Mensch, der seinem individuellen Bedürfnis nach Frieden und Freiheit Ausdruck verleiht und damit Teil der vordersten Verteidigungslinie unserer Demokratie wird.
Zum Abschluss des Abends, nach den ermutigenden Worten der geistlichen und weltlichen Vertreter, werden die Menschen noch ermahnt, ihre Freiheit zu nutzen und zur Landtagswahl zu gehen – auch wenn es ihnen bedeutungslos erscheinen mag. Denn auch Wählen ist Teil der Demokratie und jede nicht gegebene Stimme schwächt sie. Doch Warmensteinach ist nur ein kleiner Ort im Fichtelgebirge; vielerorts in Bayern wird heute eine geringe Wahlbeteiligung herrschen. Die Bewohner von Warmensteinach jedoch haben ihre Lehren gezogen: Sie werden ihr Kreuz zu setzen wissen.

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Vertreter der Kirchen sprachen vor den Anwesenden





Die Veranstaltung gegen die NPD aus der Ferne ...


... und von ganz nah.

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Ohne diesen Artikel irgendwie verulken zu wollen, was natürlich sträflich wäre, und was ich durchaus nicht beabsichtige, denn das braune Geflecht sollte man durchaus ernst nehmen, frage ich mich, hätten die Warmensteinacher nicht etwas Geld hierfür investieren sollen, um sich etwas Unterstützung zu holen?

http://www.erento.com/mieten/agenturen,_personal_dienstleistungen/person...

Ich bin wirklich schockiert! Ist nicht mehr mal eine Demonstration, das was sie vorgibt zu sein? Nämlich ein öffentliches Bekenntnis zum eigenen Standpunkt? ... Und wieder stellt sich die eine, bewusste Frage: In welcher Welt leben wir eigentlich?

Zum Artikel möchte ich sagen, dass es schön ist, dass Andreas den von ihm genannten Nährboden als sozial schwach und unterschwellig auch als ungebildet darstellt. Doch gibt es unter den Anhängern und Mitgliedern der NPD auch sehr viele Vereinsvorstände, Elternbeiratsmitglieder und Unternehmer, Menschen, die auf die Meinungsbildung und politische Prägung unserer Kinder sehr großen Einfluss haben. Das hat er leider nicht herausgehoben. Natürlich hat er keinen Stimmzettel in Händen gehabt, weil der das entsprechende Alter noch nicht erreicht hat, sonst hätte er gesehen, welche Titel die Kandidaten der NPD innehaben und das sie sehr wohl auch Politik studiert haben. In dieser Beziehung möchte ich den Artikel als nicht ausgewogen und einseitig nennen. Hättest wohl etwas besser recherchieren sollen und dich nicht nur von Gefühlen leiten lassen sollen.

(vielleicht klickt mit dieser tollen Überschrift ja mal jemand links bei «eure Meinung» und kommt hierhier^^)
Jedenfalls war der bayreuther NPD-Kandidat für die Landtagswahl durchaus eher der Gruppe, die Andreas beschrieben hat, zuzuordnen.
Beruf und Qualifikation von Herrn Kai Limmer werden nämlich mit «Hochbauspezialfacharbeiter (Maurer)» angegeben, was nicht gerade darauf hindeutet, dass er Politik studiert hat.

Zu beiden Kommentaren möchte ich nur noch kurz hinzufügen, dass es mich zwar freut, wenn ein Artikel zum Nachdenken anregt; auch bin ich mir genauso bewusst, dass es verschiedene Auslegungsmöglichkeiten meiner Formulierungen gibt - gleichwie ich betonen möchte, dass die von mir vorgestellten Charaktere keineswegs ungebildet oder unintelligent sein müssen (das sind sie übrigens in meiner Vorstellung auch nicht), sondern schlichtweg vom Leben enttäuscht. Ihre Zuwendung zu Extremparteien resultiert also nicht aus Unwissenheit, sondern aus Protest. Zweifelsohne lasse ich aber andere Interpretationen gerne gelten.

Listenplatz 9:
Bestehorn, Harald
Politikwissenschaftler (Dipl. rer. pol.), geb. 1962
(Stimmkreis 409 Wunsiedel)

... den hatte ich auf meinem Stimmzettel entdeckt.

Die wichtigsten Berufsgruppen hatte ich übrigens vergessen, die Erzieher im Kindergarten und in der Schule ...

Ermittlungen gegen Lehrerin wegen Hakenkreuz-Bildern
Erschienen am 16. September 2008
Eine Lehrerin aus dem bayerischen Kulmbach steht unter Verdacht, ihre Schüler im Unterricht Hakenkreuze malen lassen zu haben. Die Staatsanwaltschaft Bayreuth bestätigte am Dienstag, dass gegen die Leiterin einer Grundschule im Stadtteil Burghaig wegen der Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen ermittelt wird.
Der Fall wurde nach Berichten verschiedener Zeitungen bekannt, weil Eltern auf Hakenkreuze in den Unterrichtsheften ihrer Kinder aufmerksam geworden waren. Die Kinder gaben an, ihre Lehrerin habe sie im Religionsunterricht aufgefordert, die Symbole zu malen. Darüber hinaus hätten sie auch "arische" und "nicht arische" Menschen malen sollen.

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