main zensurhaus arena 11

Spiel mir den Knitta!

4. Februar 2009 - 19:49

Graffiti hat es als Kunstform schwer - zu häufig handelt es sich um bloße Schmierereien und nicht um ansehnliche Werke. Doch längst gibt es eine viel «gemütlichere» Streetart-Alternative: Wir haben für euch das spannende Knitta-Projekt ausfindig gemacht und mit dessen Initiatorin Magda Sayeg gesprochen.

Text und Interview von Philipp Schmieder | Fotos von Magda Sayeg und Lisa Roderer

«Cozy», gemütlich. So beschreiben die Anhänger von Knitta ihre Werke. Und tatsächlich haben die Aktivisten von der amerikanischen Gruppierung «KnittaPlease« einen Weg gefunden, die tristen Städte zu einem gemütlicheren Ort zu machen - mit Gestricken!
Im Sommer 2005 begann alles in Houston (im US-Bundesstaat Texas). Zwei Frauen, die mitten in der Stadt Schilder und Laternen mit selbstgestricktem Stoff umwickelten. Das erregte natürlich Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit, die sich rasch über die Grenzen der 2-Millionen-Stadt auf der ganzen Welt verbreitete.
So war es dann auch logisch, dass das Knitta-Team schon an unzähligen Orten im Einsatz war und dass für Magda Sayeg, die Ideengeberin, Knitta mittlerweile die Hauptbeschäftigung ist. Sie wurde beispielsweise von Bergère de France, dem ersten französischen Garn-Hersteller, nach Paris eingeladen, um dort Notre Dame und weitere Monumente «einzustricken». Auch die chinesische Mauer wurde schon von den «Stricktivisten» verschönert.
Gute Gründe also, um sich einmal mit Frau Sayeg zu unterhalten.


Sie haben KnittaPlease gegründet - wie sind Sie auf die Idee, die hinter Knitta steckt, gekommen?
Magda Sayeg: Einfach gesagt: Ich saß am Schreibtisch in meinem Laden und starrte auf die Fassade aus Glas und Stahl - dabei wollte ich viel lieber auf etwas Buntes schauen, auf ... etwas Warmes. Also habe ich den Türgriff meines Ladens [mit gestricktem Stoff] umwickelt. Das Ergebnis hat mir zwar sofort gefallen, ich hatte aber nicht mit den Reaktionen meiner Mitmenschen gerechnet: Die waren nämlich überaus positiv. Dann wollte ich noch etwas anderes einpacken und habe mich also für das Stoppschild am Ende der Straße entschieden. Da war die Reaktion noch viel größer: Leute haben ihre Autos angehalten und Fotos gemacht. Dann hat es bei mir «Klick» gemacht und ich wollte den Pfosten aller Stoppschilder, die ich finden konnte, einstricken.
Der Rest ist bekannt ...
Mittlerweile ist Knitta weltbekannt - wie fühlt es sich an, für so eine außergewöhnliche Sache berühmt zu sein?
Magda Sayeg: Das ist wirklich großartig. Ich glaube nicht, dass ich mein Leben derart von Knitta hätte vereinnahmen lassen, wenn ich nicht so unglaublich viel positives Feedback bekommen hätte.
Wie reagieren die Leute, wenn sie Ihre «Arbeiten» sehen
Magda Sayeg: Soweit ich das mitbekommen habe, mögen sie es. Ich bin sicher, es gibt auch Leute, die es nicht mögen - aber wenn das der Fall ist, können sie das Knitta ja ohne weiteres entfernen.
Knitta ist definitiv hübscher und weniger zerstörerisch als Graffiti - ist das unflexible Graffiti im 21. Jahrhundert passé?
Magda Sayeg: Das glaube ich nicht, aber ich habe tatsächlich den Eindruck, dass immer mehr Graffitikünstler ihre Sprühdosen mit etwas anderem ersetzen. Es gibt Leute, die benutzen LED-Beleuchtungen und Brotteig. Ja, manche sprühen sogar Waschbeton! Es scheint so, als ob es mittlerweile viele nicht so aufdringliche Arten von Graffiti gibt.
Ist Ihnen trotzdem schonmal angedroht worden, für den «Schaden», den Sie verursachen, zu bezahlen?
Magda Sayeg: Das wäre mal ziemlich lustig. Ich glaube, ich müsste eine Schere oder so bezahlen. Anders gesagt: Das ist mir bisher noch nicht passiert.
Sie waren schon in Frankreich und China, um dort ein bisschen gestrickte Gemütlichkeit zu verbreiten. Was würden Sie in Deutschland «knittafizieren», wenn Sie die Möglichkeit dazu hätten?
Oh, da gibt es so viel! In Karlsruhe lebt ein guter Freund von mir, da habe ich das schon mal gemacht - und auch am Kölner Dom. Ich denke, es wäre absolut klasse, beim Oktoberfest etwas einzustricken - 100 Maßkrüge zum weitergeben oder so. Ich würde auch wahnsinnig gerne die Fabrikhallen von Porsche oder Volkswagen knittafizeren. Oder [lacht] ... wie wäre es mit ein paar Knitta-Lederhosen?
Ich bin mir jedenfalls sicher, dass es den Deutschen gefallen würde, ein bisschen mehr Knitta zu sehen.

Update 07.03.09:

GCE goes Knitta. Die Ergebnisse seht ihr unten in der Galerie.

0
Deine Bewertung: Du musst dich erst anmelden!

Ein mit Knitta versehener Bus. Niedlich, oder?


Passanten staunen ...


... und die Polizei hat auch nichts dagegen.
Fotos: Magda Sayeg

Galerie Klickt auf die Bilder, um sie in der Originalgröße anzusehen.
Kommentar Hinzufügen

Angeblich sind die Strickkunstwerke bereits in Kaiserslautern und Berlin anzutreffen ... Habe selbst noch keine bemerkt. Bin mal gespannt, ob diese Art Kunst bis zu uns in die Provinz vordringen wird. Im übrigen, das Flechtmuster (siehe Bild oben) ist nicht so kompliziert, wie es sich in der Anleitung liest, also nicht entmutigen lassen.

Die «Bilder» von Space Invaders sind jedoch eine echte Herausforderung. Mal gucken, wo es billige Zauberwürfel zu kaufen gibt. Auf das Experiment freue ich mich besonders ...

Kommentar hinzufügen

  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • Zulässige HTML-Tags: <a> <em> <strong> <cite> <code> <ul> <ol> <li> <dl> <dt> <dd>
  • Zeilen und Absätze werden automatisch erzeugt.

Weitere Informationen über Formatierungsoptionen