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Sand im Getriebe

3. März 2009 - 20:52

»Kanada bietet unvergessliche Begegnungen mit der Natur, die Deine Vorstellungskraft sprengen und Deine Sinne anregen werden.« Doch abseits der Reiseprospektsprache gibt es noch eine andere Seite Kanadas, eine schmutzige und giftige.

Text von Lisa Roderer

Diese Seite ist die des schwarzen Ölsandes der Provinz Alberta und einem der größten und profitabelsten Projekte der Welt, einem 200-Milliarden-Dollar-Unternehmen.

Im Bezirk Wood Buffalo, im Westen Kanadas, gibt es die größten Ölsandvorkommen der Welt. In einem Gebiet - zweimal so groß wie Bayern - wird der Wald nach und nach systematisch gerodet, um an den begehrten Ölsand in 30 Meter Tiefe zu kommen. In Fort McMurray wird seit den 1980er Jahren, 365 Tage lang im Jahr und 24 Stunden am Tag abgebaut. Unaufhörlich fährt ein Lkw nach dem anderen, jeder mit 400 Tonnen Sand beladen zum Brechwerk. Dort wird aus dem Sand durch die so genannte «In-Situ»-Methode (Der Sand bleibt dabei an Ort und Stelle, der gewonnene Bitumen wird durch verschiedene Verfahren von den Sandkörnern getrennt und fließfähig gemacht) das Öl herausgelöst und das Wasser-Restöl-Gemisch in die Auffangbecken abgepumpt. Zwei Tonnen Sand ergeben rund ein Barrel (159 Liter) Öl. Täglich werden 1,3 Mio. Barrel Öl hergestellt.

600 Tier- und 300 Pflanzenarten wurden durch die Umweltverschmutzung in Fort McMurray bereits ausgerottet.

Zahlen und Fakten, nichts weiter? Falsch, denn es wurden durch die Rodung bereits 600 Tier- und 300 Pflanzenarten nahezu ausgerottet. Außerdem werden für jedes Barrel Öl drei bis sechs Barrel Wasser benötigt. Schon jetzt verbraucht die Gewinnung des Öls täglich doppelt so viel Wasser wie eine Millionenstadt! Entnommen wird das Wasser hauptsächlich aus dem Athabasca River. Sommer wie Winter, egal, wie viel oder wie wenig Wasser der Fluss gerade mit sich führt. Das Wasser wird knapp am Athabasca. Nahe den Produktionsstätten sind nicht nur Wohncontainersiedlungen für die Arbeiter entstanden, sondern auch gigantische «Stauseen», mit Dämmen aus bloßer Erde. Diese beinhalten jedoch keineswegs frisches Trinkwasser, wie bereits unzählige Tiere am eigenen Leib verspüren mussten, sondern vielmehr den giftigen, stinkenden Abfall dieser nicht enden wollenden Ölfabrikation. Sage und schreibe 250 Mio. Liter Giftmüll fallen pro Tag an! Nach einer Expertenschätzung sickern davon ca. 12 Mio. Liter täglich durch die Erdwälle ungehindert in das Erdreich - eine Umweltverschmutzung ungeahnten Ausmaßes … Und doch steht die Produktion von Öl aus Ölsand in Kanada erst am Anfang.

Flussaufwärts, im 300 Kilometer entfernten Fort Chipewyan, sind schon lange die Folgen der verheerenden Verunreinigung sichtbar. Die Fische, die die dort lebenden Indianer traditionell fangen und ihr Hauptnahrungsmittel darstellen, leiden an Skoliose, einer Verformung des gesamten Skeletts. Auch gehen immer mehr Exemplare ins Netz, die unnatürlich große Köpfe und vergleichsweise kleine Körper besitzen. Die Indianer sind, weil das Gesundheitsamt den Verzehr von Zander bereits untersagt hat, von ihrem Grundnahrungsmittel Fisch auf Dosenfleisch umgestiegen. Diese Ernährungsumstellung ist laut Expertise auch Schuld daran, dass die Bewohner von Fort Chipewyan nachweislich häufiger krank werden. Außerdem ist durch die zunehmende Belastung durch Schwermetalle – aufgrund der Herstellung von Öl aus Ölsand - ein rasanter Anstieg der Krebsrate zu verzeichnen. So sind zwischenzeitlich schon fünf junge Stammesmitglieder – keiner über 30 Jahre - an Gallengangskrebs gestorben - im Durchschnitt erkrankt einer von 100.000 Menschen weltweit an dieser relativ seltenen Krebsform, doch die Zahl der Neuerkrankungen in der Provinz Alberta steigt weiter.

Der stetig wachsende Ausstoß der Treibhausgase, wie auch die fortschreitende Belastung des Athabasca River und des Grundwassers durch die giftigen Schlacken, treibt die Politiker und die Shell Albian Sands Inc. an, eine Lösung zu finden, doch mit welchem sichtbaren Erfolg? Der eigens an der University of Alberta eingerichtete Lehrstuhl arbeitet fieberhaft - so will man es uns zumindest glauben machen - an den drei Hauptproblemen: Ausstoß von CO2, Reinigung des Abwassers und Reduzierung des Wasserbedarfs während des Produktionsablaufes. Doch bisher gibt es keine Lösung, die man in der Praxis anwenden könnte. Die Forschung steckt buchstäblich noch in den Kinderschuhen. Lediglich die Reinigung des Wassers macht erste sichtbare Fortschritte. Und so dürfen wir durchaus gespannt sein, wie der Klimasünder Kanada, momentan auf Platz 8 der weltweiten Rankingliste, sein Versprechen halten will, in 15 bis 20 Jahren wieder blühende Landschaften am Athabasca River entstehen zu lassen.

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Beim Abbau des Ölsands entstehen riesige Sanddünen
Foto: cc by-nc von Mark Elliott


Aktivisten demonstrieren gegen die Umweltzerstörung durch den Ölsandabbau.
Foto: cc by von ItzaFineDay/flickr.com


In diesen gigantischen Anlagen wird Bitumen zu synthetischem Öl weiterverarbeitet.
Foto: cc by-nc von Gregory Melle

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... mal von den Umweltschäden abgesehen, muss man sich sonst noch nach dem Sinn fragen, wenn man weiß, dass zur Herauslösung des Öls die gleiche Menge an Energie in Form von Erdgas aufgewendet werden muss, wie in dem dadurch produzierten Erdöl steckt. Das wäre eindeutig prädestiniert für Punkt vier auf der (Schein-)to-do-Liste der University of Alberta!

... die überlegen schon, ob sie nicht ein Atomkraftwerk bauen, um vom Erdgas wegzukommen ... Und die University of Alberta scheint mehr damit beschäftigt zu sein, die Maschinen dahingehend zu verbessern, dass sie leistungsfähiger und widerständsfähiger werden - klar um Kosten zu sparen und den Profit zu erhöhen. Konnte auf der Homepage der Uni jedoch nichts darüber finden, dass sie an den im Artikel genannten Problemen unter Hochdruck arbeiten - seltsam ...

Wirklich - in einigen Jahren werden wir staunend die alten Bilder dieses wunderbaren Landes betrachten, und davon träumen wie heil die Welt doch damals noch war. Doch so lange unser Streben nach Energie, Macht und Reichtum kein Ende nimmt, so lange arbeiten wir an der Zerstörung unser aller Lebensgrundlagen. Bis zum bitteren Ende!! Vielleicht beginnt dann alles von vorne, und die Evolution schafft in Millionen von Jahren neue Spezien...

Nicht von den »schön« anmutenden Seen täuschen lassen, dass ist als Abfall aus der Herstellung von Öl aus Ölsand in Kanada!

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