main zensurhaus arena 11

Denn du weißt wie Schule sein muss!

29. April 2009 - 19:08

War das Motto von basis '09, dem Schülerkongress, der vom 24. bis 26. April in der Bertolt-Brecht-Schule in Nürnberg stattfand. Über «Individualität» und «Lebensraum Schule» diskutierten über 600 Schülerinnen und Schüler aus ganz Bayern.

Text von Lisa Roderer, Marina Wörrlein, Roman Kindl | Fotos von Lisa Roderer und Roman Kindl

Eine echte Fachtagung von Experten eben, denn schließlich wissen die Schüler am besten, wie ihr Alltag abläuft und was in der Schule funktioniert oder nicht. Ein ganzes Wochenende lang Gespräche und Diskussionen ohne Zeitlimit mit einigen wichtigen Vertretern des Land- und Bundestages und den Vertretern der größten politischen Parteien.

Klappe die 1. - Shake hands oder wen interessierts?

Gegen 19.30 Uhr wurde die basis '09 offiziell von einer Vertreterin des Nürnberger Oberbürgermeisters, Ulrich Maly, der leider verhindert war, mit diesen Worten eröffnet: «Wir freuen uns darüber, wenn Basis in Nürnberg ist.» Und das nahm man nicht nur ihr gerne ab, sondern auch den Hunderten von begeisterten Zuschauern. Die Reden der anwesenden Politiker der diversen politischen Parteien möchte ich aus meiner Schilderung ausnehmen, denn deren Reden waren genauso einstudiert, wie die der Bezirksschülersprecher und eher das übliche Blabla. Auch wenn sie allesamt gut formuliert waren und rhetorisch einwandfrei vorgetragen wurden, würde sich an diesem Wochenende erst einmal herausstellen müssen, ob die Redner oder Politiker hielten, was sie versprachen. Hervorzuheben sind lediglich zwei Reden, nämlich die der ehemaligen Vorsitzenden des Bayerischen Elternverbands, Isabell Zacharias, die ihrer Begeisterung wie folgt Ausdruck: verlieh: «Bei einer so tollen Organisation und Logistik wäre ich gerne bereit, ein Schuljahr ausfallen zu lassen, damit Ihr öfters solche demokratischen Veranstaltungen auf die Beine stellt, die unser Herz und unser Gemüt bewegen.» Unter lautem Applaus schloss sie mit den Worten: «Ich bleibe noch so lang im Landtag, bis ihr politisch aktiv seid, damit wir dort auch einmal so eine tolle Stimmung haben.»

Bei einer so tollen Organisation und Logistik wäre ich gerne bereit, ein Schuljahr ausfallen zu lassen!

Die bedeutendenste Rede meiner Meinung nach hielt an diesem Abend der Autor, Referent und Lehrer an der Städtischen Wirtschaftsschule Nürnberg, Jonas Lanig, der schon bei der basis '98 als betreuender Lehrer dabei war. Seine Eröffnungsworte waren die mit Abstand ehrlichsten und sympathischsten für mich und lauteten wie folgt: «Schule ist Ort des Grauens und der Langeweile stand auf einem Flyer der basis '09. Nach 30 Jahren Erfahrung als Lehrer, weiß ich, dass das richtig ist und sich in all den Jahren nicht sehr viel geändert hat. Aber auch, wie es man es ändern kann. Denn erstens gehen Schüler grundsätzlich gerne in die Schule, weil sie hohe Erwartungen an die Schule haben. Und einer meiner Schüler brachte es auf den Punkt: Schule ist wie SchülerVZ, jedoch ohne Internet. Die Schule ist eben auch soziale Kompetenz. Und zweitens da, um Erfahrungen aufzuarbeiten. Sei es wegen des Besuchs auf der Homepage eines potenziellen Selbstmörders, einer Pornoseite oder wegen eines Schulamoklaufs. Und drittens, um Freunde zu finden und Erlebnisse zu teilen, die sie sonst im Leben bisher nicht hatten. Das erwarten Schüler von ihrer Schule. Aber ist das möglich? Nein, jeder Kontakt im Unterricht wird als Störung empfunden und als Störung denunziert. Schüler wollen als Persönlichkeit anerkannt werden und das geschieht nicht. Was der Schüler an Gedanken, Gefühlen und Erfahrungen mitbringt, bleibt beim Frontalunterricht außen vor. Schulen sind als Schaufenster für die Welt ungeeignet. Schulen sehen sich als öffentliches Haus, sind aber eher eine geschlossene Anstalt. Die vermittelten Erfahrungen sind nicht authentisch genug, sondern nur Buch- und Hefterfahrungen. Schüler erwarten sehr viel von ihrer Schule und erhalten etwas ganz anderes, nämlich Unterricht. Ich persönlich habe jedoch das Gefühl, dass es noch nie eine so bildungshungrige Generation wie Eure gegeben hat, da können wir Alten noch was lernen. Und ich habe ebenso das Gefühl, dass viele von Euch heute früh noch im Unterricht saßen und dachten, hoffentlich ist es bald vorbei. Doch dann seid Ihr anschließend nach Hause gegangen, habt Eure Rucksäcke gepackt und seid nach Nürnberg gefahren, um ein Wochenende lang Bildung zu erlangen. Denn basis ist um einiges effektiver, als es die Schule jemals sein kann.» Für einen Lehrer eine sehr ungewöhnliche Sichtweise, die neugierig darauf machte, wie er selbst Wissen vermittelt, dazu noch folgende Passage aus seiner langen, aber ungemein fesselnden Rede: «Bei der Basis '98 leitete ich den Workshop «Neue Unterrichtsformen» - den ich heute noch leiten könnte, denn geändert hat sich nicht wirklich was - daraus das Zitat eines Schülers: 2 x 45 Minuten Geschichte in der Woche kann doch nur scheiße werden. Er hat Recht und deshalb habe ich mit dem Rektor meiner Schule Folgendes ausgehandelt: das Fifty-Fifty-System. Von den 72 Stunden Geschichte finden heute die eine Hälfte im Klassenzimmer statt, die andere Hälfte fällt aus. Die ausgefallenen 36 Stunden müssen aber von den Schülern erarbeitet werden, z. B. drehen wir zusammen einen Film oder führen ein Wochenendseminar durch. Dort herrscht eine ganz andere Atmosphäre, so kann viel intensiver und effektiver gelernt werden und entspannter. Mein Schulalltag sieht folgendermaßen aus: 30 Minuten vor Unterrichtsbeginn schließe ich das Klassenzimmer auf und schalte die Kaffeemaschine an. Warum? Weil ich mit meinen Schüler gemeinsam in den Tag hineinchillen muss und die ganze Atmosphäre relaxter ist. Aber das soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass es nicht immer Schuld der Lehrer ist, wenn etwas nicht funktioniert, es liegt ebenso an der Schulleitung, den Eltern und an euch Schülern selbst. Denn wenn Ihr mit Power in die Schule kommt, dann wird sich etwas verändern.» Nach tobendem Beifall ging zwar eine rundum gelungene und höchst informative Eröffnungsveranstaltung zu Ende, jedoch nahm ein vielversprechendes und hoffentlich konstruktives Wochenende seinen Anfang.

Schule ist Ort des Grauens und der Langeweile

Klappe die 2. - Mitsprache für Schüler oder wer hats verbrochen?

Nach einer fast schlaflosen Nacht in der Party-Turnhalle gings mit einem großen Becher Gehkaffee auf zum Workshop-, Info- und Diskussionstag der basis '09. Für uns - die Mitglieder von der Jungen Presse Bayern e. V. - hieß das: Stand aufbauen, Werbeartikel und Infoflyer auslegen, Kaffee kochen und Plätzchen bereitstellen - und warten. Zusammen mit den Vertretern der Jusos, der Julis, der Grünen Jugend, den Jungen Linken und des DGB. Das Interesse an allen Infoständen, wie auch an angebotenen Workshops bzw. Diskussionsrunden, war erstaunlich groß. Um das Programm etwas aufzulockern wurde auch etwas Kurzweil angeboten in Form von wohldosierten Chilleinheiten, wie z. B. Karaoke, der Single-Börse, einer Kissenschlacht, der TV-Boxx und diversen Basteleinheiten.

Meine JPB-Kollegin Marina Wörrlein hatte sich Zeit für einen Rundgang genommen und dabei einige Schüler befragt:

Felix (18) Ich finde kostenlose Bildung besonders wichtig, also Unis ohne Studiengebühren und Schulen ohne Büchergeld. Außerdem sollte man das Aussortieren nach der 4. Klasse abschaffen und Schülern mehr Mitspracherecht geben.

Kammran (20) Es sollte mehr Mitspracherecht für Schüler geben, man sollte häufiger seine Meinung kundtun dürfen. Man sollte abstimmen dürfen ohne etwas befürchten zu müssen. Die Schülerverwaltung sollte mehr Mitspracherecht im Schulforum bekommen. Das Schulleben sollte aufgelockert werden. Man muss das G8 akzeptieren, aber möglichst angenehm gestalten. Klassleiterstunden sollten eingeführt werden, damit der Lehrer sich mehr auf einzelne Schüler konzentrieren kann. Das Pädagogische rückt, vor allem durch ausschließlichen Frontalunterricht, oft zu stark in den Hintergrund. Wichtig ist auch, dass realistisch betrachteter Unterricht stattfindet, außerdem muss es konkretere und einheitliche Lehrpläne geben. Unwichtiger Stoff sollte stark reduziert werden, so kann man sich mehr auf das Wesentliche konzentrieren.

Nikolas (20) Es wäre sehr schön, wenn es in Klassenzimmern herausnehmbare Wände für Jahrgangsstufenübergreifenden Unterricht gäbe. Schüler sollten sich an anfallenden Aufgaben beteiligen (Saubermachen, Müll entsorgen), so entwickelt man Verantwortungsgefühl und man lernt Arbeit wert zu schätzen.

Felicitas (14) Das Problem an unserer Schule ist, dass sich der Direktor nicht für unsere Projekte interessiert. Es gibt also von Seiten der Lehrer zu wenig Unterstützung, soziales Engagement fehlt fast vollkommen. Die Einführung des G8s war der größte Fehler, eigentlich ist das G8 zwar nicht schlecht, aber die Durchführung ist alles andere als gut!

Juli (17) Unsere Schule ist eigentlich ganz cool, es gibt nur leider Probleme, die man weder auf schulischer noch auf kommunaler Ebene lösen kann.

Jana (21) Die Hierarchie sollte abgeschafft werden, Lehrer sollten nicht mehr so viel Macht haben. Wichtig ist auch die Demokratisierung der Schule, dass die Schüler mehr Mitspracherecht bekommen.

Klappe die 3. - Eine marode Bank müsste man sein oder wird sich was ändern?

Die ersten, noch etwas verschlafenen Helfer, treffen an der sozialwissenschaftlichen Fakultät der Friedrich-Alexander-Universität ein. In knapp einer Stunde wird die Podiumsdiskussion beginnen, die den Anfang vom Ende von basis '09 an diesem Sonntag darstellt. Eifrig wird aufgebaut, Videokameras werden installiert, Fotografen gehen die besten Plätze ab.

20 Minuten später beginnt der Ansturm: 600 SchülerInnen, die bis jetzt am Kongress teilgenommen haben, kommen in den Hörsaal zur Podiumsdiskussion. Hier haben die Promis schon Platz genommen: Dr. Ludwig Spaenle, mit dem zum ersten Mal ein bayerischer Kultusminister bei basis erscheint, Franz Maget, SPD-Fraktionschef und Oppositionsführer im Landtag, Eva Gottstein, ehemalige Realschulrektorin und nun für die Freien Wähler im Landtag, Magarete Bause, Fraktionsvorsitzende der Grünen und Jörg Rohde, Landtagsvizepräsident und für die FDP im Landtag. Doch das sind nur die politischen Gäste. Vom Landesschülerrat ist Nicolas Lahovnik, strategisch gezielt neben Spaenle platziert, anwesend. An einem großen Tisch sitzen die Experten für den heutigen Tag: Dr. Ernst Walter, Rektor an einem Gymnasium, für den Bayerischen Philologenverband, Heike Hein von der Landeselternvereinigung und Angelika Neubäcker, Grund- und Hauptschullehrerin, von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Bayern.

Gecko Wagner, PR-Mann aus München, moderiert die Diskussion fast schon spielerisch: Beim ersten Gang von Spaenle und Maget zum Rednerpult sichert er sich mit «Sie können sich aussuchen, ob Sie links oder rechts stehen wollen» schallendes Gelächter. Dann wird es aber schnell ernst. Es geht um begabungsgerechte Förderung der Schüler. Schnell stecken die beiden die Grundpositionen ab: Spaenle denkt, mit einem ausdifferenziertem, gegliedertem Schulsystem erreiche man das am besten, Maget hält, wohl auch aus der Natur der Opposition heraus, das für den falschen Weg und wünscht sich eine möglichst lange gemeinsame Schulzeit, am besten eine Gesamtschule. Gemeinsam sind sie sich darin, ihre frühere Schülersprecher- und Schülerzeitungsarbeit zu betonen. Und einig sind sie sich auch darin, dass noch Missstände im Bildungssystem bestehen. Von Seiten des CSU-Kultusministers möchte man fast einen neuen Stil im Vergleich zu seinen Vorgängern spüren: Einlenkender, kommunikativer möchte er wirken – vertritt aber dennoch leidenschaftlich und unbewegsam seine Positionen. Maget hält entsprechend eindrücklich dagegen: «Ich kenne Durchlässigkeit nur von oben nach unten!».

Die Hierarchie sollte abgeschafft werden!

Die Themen der Diskussion sind vielfältig: Mal geht es um die Durchlässigkeit des bestehenden Systems, die sowohl die Opposition, als auch Schüler, Eltern und teilweise sogar die Lehrer unzureichend finden, mal um einen kompletten Systemwechsel zur Gesamtschule mit Ganztagsschule. Zu früh werde selektiert, die Gelenk-Klasse sei «Flickschusterei an einem maroden System» (Lahovnik), die Schüler sollen mehr in Entscheidungen über ihre eigene Schullaufbahn einbezogen werden. Von einem «Abschieben» in niedrigere Klassen oder Schularten der Schüler, die gerade einmal leistungsmäßig nicht mitkommen, ist ebenso die Rede wie von der Forderung nach besseren Rahmenbedingungen an den Schulen. Auch das Problem, dass acht Prozent der Schüler ohne einen Schulabschluss abgehen, kommt auf. Mehr frühkindliche Förderung solle es geben und an Grundschulen sollen Schülervertretungen eingerichtet werden. Unter den Experten stemmt sich nur Walter gegen die Forderungen: Er ist vom gegliederten Schulsystem überzeugt und weiß das auch, wissenschaftlich zu belegen.

Die Forderungen sind umfangreich: Rohde und Spaenle bremsen, durchaus auch mit berechtigten Gründen. Bis das Einstellungsprogramm für die neuen Lehrer wirke, werde erst noch Zeit vergehen, gibt Rohde zu bedenken. Die Regierungspartner CSU und FDP sind stark daran orientiert, welche Forderungen sinnvoll und pragmatisch sind, bevor sie an deren Umsetzung denken. Das Geld dabei eine Rolle spielt, gibt vor allem Rohde unumwunden zu. «Das mit der Landesbank - so hatte ich mir den Einzug in den Landtag nicht vorgestellt», gibt er zu - wirbt aber auch für Nachhaltigkeit. Den Schülern sei mit einer geringeren Schuldenlast mehr geholfen als mit überzogenen Investitionen. Lahovnik meint dazu nur trocken: «Eine marode Bank müsste man sein».

Das Fazit kann nur sein, dass diese Veranstaltung rundum gelungen war. Nicht nur, dass man Politiker hautnah erleben und mit Ihnen diskutieren konnte, nein, man hatte wirklich das Gefühl, dass die Meinung jedes Einzelnen ernst genommen wurde und das tatsächlich jede Stimme zählt. Doch ob die Politiker wieder nur heiße Luft von sich gegeben haben oder endlich auch einmal halten, was sie versprochen haben, bleibt abzuwarten.

0
Deine Bewertung: Du musst dich erst anmelden!

Workshop «Kreatives Schreiben»


Kissen vor der Schlacht.


Nicht blau, nicht rot, das ist die Grüne Jugend


Sprühst du auch vor Phantasie?


Dr. Ludwig Spaenle, Kultusminister von Bayern, CSU


Franz Maget, Fraktionsvorsitzender, Bayern-SPD

Galerie Klickt auf die Bilder, um sie in der Originalgröße anzusehen.
Kommentar Hinzufügen

Die bayerischen Schüler und Studenten der Demo vom 22.05.2009 oder die restlichen bayerischen SMVler? In Nürnberg war vom 24. bis 26.04. die Politik präsent, wäre eine Riesendemo zur basis'09 nicht sinnvoller gewesen, als z. B. eine 250-Mann-Demo in Bayreuth (Sehr geschönte Zahl, konnte persönlich nur um die 100 zählen - gut der Rest musste sicherlich zum Bus, zum Zug ...)?

Klar ist die niedrige Beteiligungen an derartigen Veranstaltungen vor allem darauf zurückzuführen, dass sie NICHT während der Schulzeit stattfinden, sondern in der Freizeit oder gar am Wochenende. Tja, wie immer trennt sich da die Spreu vom Weizen. Engagement gibts eben nur von Schülerseite, wenn es sich auch für sie persönlich lohnt - enttäuschende Bilanz!

Kommentar hinzufügen

  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • Zulässige HTML-Tags: <a> <em> <strong> <cite> <code> <ul> <ol> <li> <dl> <dt> <dd>
  • Zeilen und Absätze werden automatisch erzeugt.

Weitere Informationen über Formatierungsoptionen