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Land unter?

12. Oktober 2009 - 16:54

Kein anderes europäisches Land ist so flach wie die Niederlande und damit vom Anstieg des Meeresspiegels so vordringlich bedroht. Prognosen gehen sogar so weit, dass das Land irgendwann vollständig im Meer versinken könnte. Die Holländer kennen diese Bedrohung und haben einen außergewöhnlichen Lösungsweg gefunden.

Text von Stefan Meyer

Es ist an einem Tag im Februar, irgendwann in den späten Abendstunden. Der Rundfunk sendet seit Stunden unaufhörlich Unwettermeldungen, doch die Bevölkerung zeigt nicht ein Zeichen sichtlicher Beunruhigung. Plötzlich geht es dann ganz schnell. Die direkten Küstenbewohner bekommen die ganze Härte des Unwetters als erstes zu spüren. Bei Windstärke 12 werden die Boote, die vor kurzem noch sanft durch die Bewegung der Wellen geschaukelt wurden, wie Geschosse durch die Luft geschleudert. Der weiße Sand des Nordseestrandes wird binnen kürzester Zeit restlos überschwemmt; die mehrere Meter hohen Wellen prallen mit brachialer Gewalt gegen die bisher jeder Sturmflut trotzenden Dämme. Unaufhörlich und kontinuierlich peitschen die Wassermassen solange auf die Deiche ein, bis diese löchrig werden und letztendlich nachgeben.

Das Ganze mag wie eine Szene aus einem fiktiven TV-Katastrophenfilm anmuten, doch ist sie lange schon bittere Realität.


Das Ganze mag wie eine Szene aus einem fiktiven TV-Katastrophenfilm anmuten, doch ist sie lange schon bittere Realität. Exakt so hat sich in der Nacht vom 31. Januar auf den 1. Februar 1953 in den Niederlanden die größte Katastrophe der nationalen Geschichte ereignet. 1853 Menschen verloren ihr Leben, unter anderem auch, weil die 52 Dämme, die unter dem Druck brachen, ihre Aufgabe nicht erfüllen konnten.

Dieses schreckliche Ereignis hat das Denken in den Niederlanden entscheidend verändert, eine solche Tragödie sollte sich nie wieder ereignen können. Primär wurden selbstverständlich die überholten Dammanlagen wieder auf- und später auch ausgebaut, darüberhinaus entstand ein innovatives Entwässerungssystem mit Kanälen, Schleusen, Deichen und Pumpanlagen. De Ramp, die Katastrophe, wie sie in der Landessprache genannt wird, hat auch heute noch einen großen Einfluss auf den Menschen. Der Fokus liegt immer noch auf dem Schutz gegen die zerstörerischen Kräfte des Meeres, das Land entwickelt dabei eine förmliche Bauwut im Bezug auf Dammanlagen. Immerhin existiert heutzutage eine Kooperation mit Nachbarländern wie etwa Deutschland. Falls sich noch einmal eine derartige Tragödie ereignen sollte, würde diesmal schnelle und effektive Hilfe die Ausmaße zumindest begrenzen können - anders, als dass vor 56 Jahren der Fall war.

Etwa 60 Prozent der holländischen Landmasse liegt unter dem Meeresspiegel


Die aufwändigen Sicherheitsmaßnahmen zeigen vor allem auch, dass die Bedrohung nach wie vor präsent ist und gefährlicher denn je werden kann. Etwa 60 Prozent der holländischen Landmasse liegt unter dem Meeresspiegel, in diesen stark gefährdeten Gebieten leben circa neun Millionen Menschen, was mehr als die Hälfte der Gesamtbevölkerung entspricht. Auch von den Flüssen droht Gefahr, die über die Ufer tretende Maas und der Rhein bereiten den Holländern ebenfalls große Sorgen. Und dann ist da ja noch der Klimawandel, der das alles noch schlimmer machen soll.

Aktuelle Studien zeigen, dass es für die alte Seefahrernation deswegen auch in Zukunft keineswegs gemütlich wird, trotz aller Maßnahmen. Das Überschwemmungsrisiko erhöht sich durch den stetig ansteigenden Wasserspiegel und die zunehmenden Niederschläge. Der Worst Chase ist keine Utopie mehr. Normalerweise reagieren unsere westlichen Nachbarn dann mit einer noch größer angelegten Bauwut darauf: die Dammanlagen werden noch höher, noch breiter und damit noch sicherer. Doch findige Architekten haben einen neuen, innovativen Weg eingeschlagen, der eine geradezu komplette Kehrtwende darstellt: Statt sich hinter Dämmen vor dem Wasser zu verstecken, heißt es nun, mit dem Element in einer friedlichen Koexistenz zu leben. Aus dem einstigen Feind soll nun ein Freund werden. In der Landessprache wird dies mit dem Satz «Nederland leeft met water» tituliert, was schnell zum neuen nationale Credo wurde.

Der große Erfolg dieser Idee ist eigentlich ein Paradox, geht diese Linie doch eigentlich komplett gegen die eigene Mentalität. Ein populäres Sprichwort heißt nicht umsonst «Gott erschuf die Welt, aber die Holländer erschufen Holland». Mindestens ein Fünftel ihrer Landfläche haben die Niederländer dem Meer selbst abgetrotzt, etwa durch die weltberühmten Windmühlen, die vor allem auch Pumpanlangen darstellen. Der See diese Gebiete mindestens indirekt erneut zu überlassen kommt also fast schon einem Rückzug gleich. Mit 452 Einwohnern pro Quadratkilometer hat das Land die größte Bevölkerungdichte eines Flächenstaates in Europa, es besteht also eher ein Bedarf an neuem Bauland. Verlust von Wohnfläche wird da zu einer eigentlich unannehmbaren Alternative. Doch die Visionäre sehen in der potentiellen Überschwemmung der Regionen keineswegs ein Verlust von Fläche, sondern eher einen Gewinn. Denn die Architekten wollen tatsächlich auf dem Wasser bauen. Nach ihren Vorstellungen würden in den nächsten 50 Jahren ganze Städte dank ausgeklügelter Plattensysteme als «Delta-Metropole» auf dem Wasser existieren. Schon immer hatte dieses Land eine besondere Beziehung zum Wasser, kennt seine Gefahren und Vorteile, doch diese Lösung ist wirklich außergewöhnlich und erfolgversprechend. In den Niederlanden gibt es bereits derartige Häuser zu kaufen, die im Notfall bis zu fünf Meter Höhenunterschied ausgleichen können. Ein komfortables Haus mit 120 Quadratmetern kostet etwa 390.000 Euro. Die Nachfrage danach ist riesig, sowohl junge Paare mit Kindern als auch Rentner leisten sich den Luxus, auf dem Wasser zu leben. «Wir sind dem Klimawandel immer einen Schritt voraus, das ist unsere Stärke. Bis die nächste Flut kommt, haben wir uns auf dem Wasser längst in Sicherheit gebracht», heißt es daher nicht ohne Stolz. Eine Vorreiterrolle bei der Wasserarchitektur spielt der Architekt Koen Olthuis mit seinem Architekturbüro Waterstudio.NL. Er entwickelt unter anderem ganze Wohnsiedlungen auf dem Wasser und spezielle Polder-Häuser. Wir haben Ihn um ein kurzes Statement gebeten:

Liegt die Zukunft der Niederlande auf dem Wasser?
Koen Olthuis: Auch wir als Gestalter sind Teil der Klimawandelgeneration. Die erwarteten Klimaeffekte werden es zusammen mit den zunehmenden Raumproblemen der Städte notwendig machen, dass wir unsere Projekte nicht mehr nur hinter, sonder immer mehr auf die Wasserfront verlagern. Dazu ist nicht nur ein architektonisches Konzept und neue Gebäudetypen, sondern eine neue Art vernünftig mit dem Wasser umzugehen erforderlich, sowie ein dynamischeres Herangehen an die Städteplanung. Neue innovative Konzepte und Ideen ermöglichen auf diese Weise großartige Ergebnisse, die sowohl nachhaltig als auch umweltverträglich und architektonisch ansprechend sind. Auch die Frage, wie man mit dem Wasser haushaltet, kann so gelöst werden. Eine nachhaltige Zukunft liegt in jedem Fall auf dem Wasser!

Aktuellen Umfragen zufolge haben die Holländer mehr Angst vor Terrorismus oder Arbeitslosigkeit als vor Flutkatastrophen

In Zeiten des Klimawandels mit einem hohen Bedürfnis nach Sicherheit vor den Folgen ist diese Idee auch sehr erfolgreich exportierbar. In der ganzen Welt entstehen Projekte von niederländischen Tüftlern, wie etwa in Dubai ein gewaltiger Turm auf dem Meer. Auch in europäischen Metropolen ist diese neue Bauweise gefragt, unter anderem interessieren sich London und Hamburg dafür. Und nicht nur Wohnhäuser, sondern auch Parkhäuser oder Gewächshäuser auf dem Wasser sind bereits in Planung. Eines haben die innovativen Architekten auf jeden Fall schon geschafft: Ein Gefühl der nationalen Sicherheit. Aktuellen Umfragen zufolge haben die Holländer mehr Angst vor Terrorismus oder Arbeitslosigkeit als vor Flutkatastrophen, dem jahrelangen nationalen Angstgespenst. Die Gewissheit, dass in Zukunft das Schicksal des eigenen Landes nicht mehr von der Standfestigkeit der Dammanlagen abhängt, dürfte auf die Holländer dabei sicherlich beruhigend wirken. Sie haben jetzt eine Alternative. Es sieht so aus, als hätte das Land nun endlich einen Weg gefunden, wie es vor den Gefahren des Meeres sicher ist. Das dabei zudem ein umweltfreundlicher und auch zukunftsweisender Pfad beschritten wurde, ist noch erfreulicher.

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Diese futuristisch anmutenden Wohnhäuser sollen das Leben in überflutungsgefährdeten Poldern ermöglichen.


Auch größere Gebäude sollen auf dem Wasser entstehen, wie beispielsweise dieses Clubhaus.


In der Stadt Westerland werden Poldergebiete freiwillig geflutet - auf dem Wasser sind neue Wohngebiete geplant.
Fotos mit freundlicher Genehmigung von Koen Olthuis/Waterstudio.NL und ONW OPP/BNG

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www.eine-unbequeme-wahrheit.de

Gute Unterhaltung ...

Redakteur ... Ein glatter 5-Punkte-Artikel würde ich sagen :) Prima, weiter so.

Irgendwie kommt von Stefan nix Neues!?

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