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Wie ich ein Franzose wurde (Teil 1 von 3)

28. Oktober 2009 - 19:16

Die Sommerferien sind lange zuende und alle Geschichten sind erzählt. Alle Geschichten? Nicht ganz, denn in unserer dreiteiligen Serie «Wie ich ein Franzose wurde» erzählen Lisa, Martin und Philipp von einer aberwitzigen Studienfahrt nach Südfrankreich.

Text von Lisa Roderer, Martin Gross und Philipp Schmieder

So, 02.08.


Philipp: Heute ist es so weit, es geht los. Pünktlich eine Viertelstunde vor Abfahrt packe ich meinen Koffer und brause mit meiner Mutter als Chauffeuse (gibt es das Wort überhaupt?) nach Bayreuth; der Zug fährt um 20:27. Als ich am fünfgleisigen «Haupt»bahnhof ankomme, ist Lisa schon da und hat das Ticket besorgt – war ja klar. Im Interregio nach Nürnberg gibt es natürlich keinen freien Sitzplatz – und so nehmen wir ein bequemes Plätzchen zwischen Bordtoilette und Waggontür ein.

Voilà, eine Stunde später bin ich ein Franzosé mit neuem Lebenslauf und schönem Akzent.

Wenn doch nur mehr Leute Franu Gink (Name geändert) nehmen würden - mit der Heilkraft des Arzneikürbis - wäre die Zugfahrt sicher angenehmer, sprich ohne ständiges «darf ich mal bitte vorbei»-Generve verlaufen. So aber haben wir die Möglichkeit, sympathische Holzfäller und abgedrehte Ich-trage-meine-Handtasche-mit-dem-Mund-Girlies kennen zu lernen, während ich damit beschäftigt bin, mir die F-Story auszudenken: Da die Fahrt als Aktion in Kooperation mit den französischen Jugendpresslern «Jets d'Encre» angekündigt wurde, die aber in den Sommerferien viel zu beschäftigt sind, um ein bisschen intereuropäischen Austausch zu betreiben, muss ich als Philippe herhalten, der von Straßburg nach Bayreuth gezogen ist, um dort an der imaginären Fachhochschule Grafikdesign zu studieren. Voilà, eine Stunde später bin ich ein Franzosé mit neuem Lebenslauf und schönem Akzent. Ob das wohl eine Woche gut gehen wird?
Um halb Eins kommen wir endlich in München an, wo vier Stunden Aufenthalt auf uns warten, bevor wir mit den anderen nach Offenburg weiterfahren. Und da Martin keine Lust hat uns nach Garching zu holen, müssen wir die Wartezeit notgedrungen am Münchener Hauptbahnhof (und eben nicht nur zehn Minuten!) verbringen. Kein Problem, schließlich gibt es dort genügend Möglichkeiten, sich die Zeit zu vertreiben, inklusive einem Starbucks mit kostenlosem WLAN versteht sich, eigentlich. Uneigentlich haben die Läden alle seit über einer Stunde geschlossen und öffnen erst um 06:00 wieder. Damit ist München von meiner Liste der respektablen Großstädte gestrichen ... Aber gut, mit etwas selbstgemachter Vokalkammermusik (auf dem Boden der Bahnhofshalle, da sämtliche Sitzgelegenheiten leider von mehr oder weniger «reisenden» Menschen belegt sind) lässt sich die Zeit gut totschlagen.
Lisa: Auf nach Frankreich! Übermotiviert habe ich schon längst meinen Koffer gepackt und will gerade noch rechtzeitig eine halbe Stunde vor Abfahrt zum Bahnhof los, da ich ja auch noch die Tickets kaufen muss, da fällt mir ein, dass ich Philipp noch unbedingt an die Spätzlepresse erinnern muss. Also Adium (Chatprogramm) nochmal anwerfen und ihn anschreiben. Er behauptet, er hätte seinen Koffer schon längst gepackt ... na sicher, wer's glaubt ...
Am Bahnhof schließlich noch «schnell» das Ticket lösen, was eher ein Kampf ist als irgendetwas anderes - der Touchscreen hat auch schon mal schnellere Reaktionen gezeigt ... Während ich auf der quasi ewig dauernden Fahrt fast einschlafe, denkt sich Philipp, den wir ab sofort alle Philippe nennen müssen, verrückte Geschichten und seltsame Witze über die anderen Passagiere aus ... Da er sein Herz quasi auf der Zunge hat, hoffe ich, dass er seine Rolle nicht vergisst und sich in Frankreich nicht doch noch verplappert - wobei ich mir um ihn weniger Sorgen mache, als eher um die zwei, die Philippe als Philipp kennen ....

Fehlt nur noch, dass die Bahnangestellten uns für betrunkene Penner halten ...


Endlich in München angekommen geht es gleich dem großen Starbucks-Schild entgegen – Kaffee! Doch der ist natürlich geschlossen und wird erst wieder aufmachen, wenn wir den Münchener Hauptbahnhof längst wieder verlassen haben. Zumindest hat ein Imbiss noch offen. Hauptsache Koffein, sonst schlafe ich noch ein. Naja das Camembert-Brötchen in meiner Hand hat definitiv schon mal bessere Zeiten gesehen ...
Die Planer des Bahnhofs haben aus irgendeinem Grund darauf verzichtet, genügend Sitzgelegenheiten zu schaffen und so müssen wir es uns auf dem Boden «bequem» machen. Philipp behauptet, wenn man singen würde, ginge die Zeit schneller vorbei und schmettert fröhlich einige Weihnachtslieder. Na klasse – fehlt nur noch, dass die Bahnangestellten uns für betrunkene Penner halten ...
Martin: Mannmannmann, was für ein Tag. Irgendwo zwischen «Mietwagen holen», «aus Stuttgart nach München fahren» und «in München alles irgendwie noch schnell fertig organisieren» trifft Maria-Felicia gegen frühem Nachmittag am Münchner Flughafen ein. Nachdem wir uns schnell gefunden haben (Erkennungsmerkmal war kein Namensschild auf einem Klemmbrett, sondern ein dilletantisch gezeichnetes Schiffchen auf einem Klemmbrett), stellt sich erst ein Mal die Frage, was man denn so tun könnte um die Zeit tot zu schlagen. Maria-Felicia ist innerhalb kürzester Zeit bei mir in der Gunst der erwachsenen Selbstständigkeit gefallen - hat sie doch auf der Autobahn keinen Gurt angelegt und wäre sie fast durch die Windschutzscheibe gesegelt. Kommentar «Hups! Ich dachte die Fahrt ist nicht so lange.»
Doch erst ein Mal fahren wir aber in den Euro-Industrie-Park in München, genauer gesagt auf den menschenleeren Parkplatz von realkommastrich. Dort dürfen Hannes (ein guter Freund) und Maria einige rasante Runden mit dem Mietwagen drehen - bei strömenden Regen. Dass die Berliner das auch immer mitbringen müssen...
Es folgt ein Mini-Sightseeing in München und irgendwann am Abend die Heimreise nach Garching - Philipp und Lisa wissen ja, dass sie nicht abgeholt werden (habe keine Lust und keinen Platz im Auto). Aber immerhin wissen sie ja, dass ich ihnen eine warme Couch im 300 Meter vom Hauptbahnhof entfernten Hostel reserviert habe.
Zwischendrinn holen wir noch Roman vom Bahnhof ab... Mal sehen, was er auf dieser Fahrt lernen wird. Nicht viel, fürchte ich ;)

Mo, 03.08.


Philipp: Gegen 3:00 finden sich vereinzelte Jugendliche am Bahnhof ein, die ganz offenbar vorhaben, in Kürze eine längere Reise anzutreten. Aber vorerst haben wir noch keine Lust, sie anzusprechen. Irgendwann erbarmen wir uns dann aber doch und machen Bekanntschaft mit Laura und Julia sowie deren Eltern. Lauras Mutter identifiziert meinen Akzent zugleich fachmännisch: «Oh, eehna kommans wui aus Frongreich, wenni frogn duaf?» - Mais oui!
Martin und Roman kommen etwa eine Dreiviertelstunde später zusammen mit Maria-Felicia, die extra aus Berlin angereist ist. Als schließlich auch noch Fabian auftaucht, sind wir komplett und bereit zur Abfahrt nach Offenburg. Die restlichen Teilnehmer steigen im Laufe der Zugfahrt zu, bis wir um halb Neun in Offenburg ankommen. Nachdem wir dort Bekanntschaft mit Uli, unserem fotowütigen Busfahrer gemacht haben (bevor es weiter geht, müssen wir uns erst vor seinem Bus türkischen Fabrikats aufstellen, damit er das knipsen kann), geht es erstmal einkaufen. Martin jammert etwas von Budget, als ich unseren Einkaufskorb mit Waren aus dem Bioregal fülle. Ich hätte ja einfach das Fleisch eingespart, dann wäre das alles kein Problem. Irgendwann dreht Martin dann vollends ab und droht damit, mich umzubringen – ich sitze im Bus neben ihm!
Nach etlichen Stunden Fahrt müssen wir einen gesetzlich vorgeschriebenen Neunstündigen Aufenthalt in einer Kleinstadt namens Beaune machen. Nicht nur, dass hier alles aussieht wie die Filmkulisse einer französischen Heimatfilmproduktion, auf dem Stadtplatz steht auch noch ein Karussell; die Leute hier müssen wohl leicht wahnsinnig sein. So ist dann auch der überforderte Garçon in der Brasserie, in der wir zu Abend essen nicht weiter tragisch ...
Lisa: Auf dem Weg nach Offenburg steigen Christine und Jesper in Karlsruhe zu. Christine bringt frische Croissants mit, die wohl direkt vom Himmel gekommen sind. Lecker. Bis wir in Offenburg ankommen, ist noch Gelegenheit ein bisschen zu schlafen. Schließlich in Offenburg angekommen, lernen wir unseren Busfahrer kennen, der uns zur ersten Station - dem nächstgelegenen Ldil (Name geändert) - fährt, damit wir unsere Einkäufe für die gesamte Fahrt machen können - Baguettes kaufen wir jeden Tag frisch vor Ort. Zusammen mit Philipp, Martin und Roman füllen wir zwei Einkaufswägen bis zum Rand. Martin nöllt die ganze Zeit, dass Philipp zu viele Bio-Produkte einkauft, dabei kosten die nicht so viel mehr - was dann auch unser Kassenbon am Ende sagt. Wir sind trotz Mehreinkäufen noch unter dem von mir kalkulierten Endpreis geblieben. Allerdings weigert sich Philipp, als wir das Essen einladen, für die fleischhaltigen Produkte - aber auch den Käse - nochmal in den Laden zu gehen und Kühltaschen zu kaufen (die uns versprochene Kühlbox ist klein, bis zum Rand gefüllt und außerdem dürfen wir die eh nicht nutzen). Martin möchte Philippe glatt dafür umbringen! Es herrscht auf gut Deutsch dicke Luft auf der mir gegenüberliegenden Zweiersitzbank. Doch nicht genug, nachdem wir dann noch Biergartengarnituren abgeholt und eingeladen haben, bemerkt unser Busfahrer Uli, dass wir einen platten Reifen haben - also gehts erstmal zur nächsten Werkstatt. Nach einer Stunde ist der Schaden behoben und die Teilnehmer - kurz Teilis genannt - werden unruhig ... prima.
Unser erster Halt ist Beaune. Dort setzen wir uns zuerst in ein Café. Philipp möchte Crêpes bestellen und die Bedienung starrt ihn völlig entgeistert an - denn die stehen zwar auf der Karte, aber verkaufen sie zwischenzeitlich wohl nicht mehr (?). Geht ja schon gut los hier in Frankreich. Mein «Dessert» sah auf der Karte richtig lecker aus - was ich bekomme ist jedoch keine Tasse Kaffee wie vermutet, sondern ein Espresso, die Kugel Eis ist auch nur noch halb vorhanden und der Brownie ... tja, den muss ich erstmal suchen ... Und sowas kostet hier tausend Geld! Man merkt halt doch, dass man in Frankreich ist. Anschließend laufen wir durch die Stadt und begegnen einigen «Kommunisten», die gerade dabei waren Passanten zu bequatschen. Wir haben Zeit, also spricht Martin mit ihnen. Philipp versteht ziemlich viel - ich eher wenig. Auf Dauer rumstehen, ist nicht sonderlich angenehm. Bei unserem nächsten Treffen mit den Teilis weigern sich diese standhaft, bei unseren tollen Motivationsspielen mitzumachen. Vielleicht können wir sie mit den Trillerpfeifen, die Martin besorgt hat, bändigen.
Auf dem Rückweg zum Bus versuche ich ein paar coole Fotos zu schießen; Dauerbelichtungen sind ja eine feine Sache und die komischen Franzosenampeln bieten sich geradezu an. Philipp und Martin erklären mich für verrückt ...
Martin: Zwei Postkisten, einen Koffer, zwei Reisetaschen, eine Kabeltrommel, ein Flipchartblock und ein Moderationskoffer mit Rollen später sind wir am Bahnhof angekommen. Schnell auf den Behindertenparkplatz gestellt, Zeug ausgeladen, andere Leute zum Reintragen abkommandiert und den Mietwagen in die Garage zurück gebracht. Zwei Runden um den Häuserblock später ist die Tiefgarageneinfahrt auch gefunden. Dummerweise ist die, welche mit «Mietwagenrückgabe» beschriftet ist, so zu, dass sie zuer nicht sein könnte. Also durch die normale Einfahrt rein und im Gegenverkehr ein Stockwerk tiefer auf dem Mietwagenstellplatz.
Endlich im Zug, nach und nach steigen alle Leute ein. Christine ist schon jetzt meine Lieblingsteilnehmerin - Liebe (platonisch, auf Essen beschränkte) geht halt doch noch durch den Magen.

Uli verwendet mittlerweile meine Kreditkarte auch ganz alleine am Mautautomaten und nimmt auch die Quittungen mit. So ist's brav!


Irgendwann bald kommen wir tatsächlich in Offenburg an. Uli, unseren Busfahrer, erkennen wir schnell - er wirkt noch fröhlicher als schon am Telefon. Schnell ein paar Bilder, dann ab zum Einkaufen. Philipp wird, immer mit mahnendem Blick aufs Budget abgehalten, die deutsche Wirtschaft durch den Kauf von Bio-Produkten zu retten. Sein Obst und seinen Käse bekommt er aber. Trotzdem ist er des Todes: Nachdem wir (entgegen unserer Planung) keine Kühlung haben, weigert er sich, schnell in den Laden zurück zu laufen und Kühltaschen zu kaufen. Möchte ihn umbringen. Und ich nehme ihn nie wieder auf eine Fahrt mit. Nie wieder!
In Beaune angekommen besteht unser Programm aus Kaffee trinken, Essen, Museum gucken, Kaffee trinken, auf Steinen liegen, Karussell anschauen, Teilnehmer zu gruppendynamischen Spielen anregen (Franzosen schauen schon komisch), Essen, auf Steinen liegen (schon langsam wirds kalt!), Kaffee trinken. Endlich geht's jetzt aber weiter. Und Uli verwendet mittlerweile meine Kreditkarte auch ganz alleine am Mautautomaten und nimmt auch die Quittungen mit. So ist's brav!

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Emo?


Nicht nur wir fanden das Karussell in Beaune toll.


Gruppendynamische Spiele sorgten für ... gute Laune!


Beaune bei Nacht mit für Lisa-anziehenden leuchtenden Verkehrszeichen.


«Camera Tossing», bzw. in meinem Fall «Camera Shaking», erhält man, wenn man die Kamera bei Langzeitbelichtung wirft/schüttelt.
Fotos: Lisa Roderer

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... liebe Teilnehmer :) Hoffentlich sagt euch der Artikel auch so sehr zu, wie wir unseren Spaß beim Schreiben hatten ;)

Ihr seid wahnsinnig. Ich habs euch total abgekauft. Was fällt euch eigentlich ein, uns nicht nur verhungern zu lassen, sondern uns auch nach Strich und Faden zu verarschen?
:D

Nachdem unsere französischen Kollegen nur am Eierschaukeln waren uns in den Sommerferien nicht helfen wollten sehr beschäftigt waren und ich das Versprechen "Es wird auch irgendwie Kontakt zu Franzosen geben" nicht so offensichtlich brechen wollte, hatte Philipp zum Glück diese Idee..

Eigentlich wäre das ja nie rausgekommen - aber in der Retrospektive dachten wir, dass wir euch auch so ein schönes Tagebuch nicht vorenthalten wollen ;)

Aber interessieren würd's mich schon: Wer hat denn da gerade geschrieben?

ich erinnere hiermit unaufällig an die noch ausstehenden Veröffentlichungen von Teil 2 und 3. Wir wollen ja schließlich keine DVD draus machen, oder? ;-)

Wann kommt denn nun mal Teil 2 und 3?!?

manchmal empfiehlt es sich auf dein.gs rumzustöbern, aber gut - hier die links:
http://dein.gs/2010/01/wie-ich-ein-franzose-wurde-teil-2-von-3
http://dein.gs/2010/03/wie-ich-ein-franzose-wurde-teil-3-von-3

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