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Wovon träumst du? Sebastian Krämer live

9. Oktober 2009 - 17:29

Wenn deutsche Feuilletonisten versuchen, Sebastian Krämer zu beschreiben, lassen sie sich kreative Beschreibungen wie «süßlich-bösartiger Dada-Chansonnier» einfallen. Dabei sieht er sich selbst dem Dada nicht übermäßig verpflichtet und macht doch eigentlich nur Lieder. Wirklich? Wir haben uns sein Programm «Krämer bei Nacht» angesehen und mit ihm gesprochen.

Text von Philipp Schmieder | Fotos von Lisa Roderer

«Gestern hab ich Doris geseh’n
und sie hatte haargenau den
schwebenden Gang unlängst emeritierter Elfen und Feen.
Glaubt mir, Freunde, dass sie dort stand
und mit ihrer Elfenbeinhand
ein Balisto-Papier fallen lies.
Jeden Eid könnt ich schwör’n auf all dies.
Bloß nicht drauf, dass sie Doris hieß.»

Gerade verklingen die letzten Töne des Openers «Doris» im Bürgersaal in Helmbrechts, als das typische Geräusch einer Spiegelreflexkamera die einsetzende Stille durchbricht: Der Spiegel klappt nach oben und der Verschluss öffnet sich. Klick-Zrp. Wie auf Kommando verlässt Sebastian Krämer, der aus Nordrhein-Westfalen stammende Kabarettist und Chansonnier die Bühne und steuert auf Fotografin Lisa zu. Er interessiere sich ja für Kameras, ob sie etwas dagegen hätte, dass er sie kurz dem Publikum zeige. Natürlich hat sie nicht. «Eine Canon», bemerkt Krämer fachmännisch - doch nachdem er sie vorsichtig auf dem Flügel plaziert hat, erklärt er: «Ich hab’s manchmal, dass die Fotografen eher gehen. Das wird heute nicht geschehen.»

Doch es gibt es auch Lieder ganz ohne Pointe, ohne Running Gag, Flachs und Spaß.

Vielleicht ist das aber gar nicht so tragisch, denn so kann Lisa das nun folgenden Programm ohne stets auf gute Schnappschüsse lauern zu müssen erleben. Und erleben ist hier tatsächlich das richtige Wort, denn Sebastian Krämer ist nicht einfach ein Klavierkabarettist, bei dem ein Gag den nächsten jagt (auch wenn er das später im Programm über sich selbst von sich sagen wird).
Denn obgleich viele Lieder wie «Doris», «Wovon träumst du» und «Zackebuh», mit denen er den Abend einleitet, eine überraschende Pointe oder zumindest eine komische Grundstimmung haben, so gibt es auch solche ganz ohne Pointe, ohne Running Gag, Flachs und Spaß.

Ein solches Lied ist etwa «Fensterkreuzschatten», das der Ankündigung «Zum Träumen und Reinlegen», mit dem Krämer einige Minuten zuvor scherzhaft «Wovon träumst du», bei dem das Publikum aber schließlich «mit Westernhagen-Stimme» mitgrölen sollte, tatsächlich gerecht wird. Das Stück offenbart, was Krämer von Kollegen wie Bodo Wartke unterscheidet: Krämers perfekt durchformulierten Stücke sind mehr als nur Text, der lediglich deshalb gesungen wird, damit er nicht gesprochen werden muss: Nämlich vor allem Lieder - mit eingängigen Melodien; manche muten fast an wie ein klassisches Kunstlied.

Die Stücke sind mehr als nur Text, der lediglich deshalb gesungen wird, damit er nicht gesprochen werden muss.


In einer der gesprochenen Einlagen ironisiert Krämer zu Beginn, er habe mit dem Veranstaltungsuntertitel «Ruhestörung für Anspruchsvolle» gezielt Bildungsbürger ansprechen wollen. Keine schlechte Wahl, denn auch wenn er sich zum vermeintlichen Bildungsbürgerpublikum stets in einer gewissen Distanz bewegt, so ist er doch selbst einer. Seine Liedtexte belegen nicht nur das mit ihren gekonnten Formulierungen und einem sehr breiten Themenhorizont. Gleichzeitig spielt er aber auch gekonnt mit den Klischees dieser Schicht, in dem er sich etwa in «Überwachung im Bus» und «Sinti- und Romamelodie» («Als garnichts mehr geht, hüpft noch ein Sinti und Roma hinein») über die ungeschriebenen Gesetze der politischen Korrektheit hinwegsetzt.
Obwohl Sebastian Krämer Poetry Slams eigentlich aufgegeben hat, finden sich in seinen Liedern immer wieder Passagen, die auf die Vergangenheit des zweimaligen Deutschlandmeisters hindeuten. In «Standby», einer Antihymne auf die allüberall immerrotleuchtenden Standbylämpchen, etwa gibt es eine solche Einlage. Auch das gesprochene «Über DJs», in dem er seiner Abneigung gegenüber DJs freie Luft lässt, könnte wohl auch einen Poetry Slam gewinnen.
Was muss noch gesagt werden über den «Sprachartisten und Ausdrucksgourmet» (Hannoversche Allgemeine Zeitung)? Ah ja, das Clavichord. Mit diesem heute ungewöhnlichen Instrument aus dem 16. Jahrhundert begleitet er einige seiner Stücke, es ist quasi zu seinem Markenzeichen geworden. Und was soll man sagen? Er beherrscht es ebenso wie das Klavier und die Sprache. Perfekt, also.

Interview

Nach dem Auftritt in Helmbrechts hatten wir noch die Gelegenheit, mit Sebastian Krämer ein Interview zu führen.


Passiert es öfter, dass die Presse früher geht?
Sebastian Krämer: Die Fotografen.
Wirklich?
Sebastian Krämer: Ja, Fotografen haben das so an sich, die kommen in den ersten 10 Minuten und dann knipsen sie was, und hauen dann wieder ab. Ich hab jetzt inzwischen so die Regel: Wenn sie vorher fragen, ob sie fotografieren dürfen, dann sage ich: „Ja, aber nur nach 22 Uhr.“ Und wenn sie nicht fragen oder wenn sie sich nicht dran halten, dann wird einfach die Kamera konfisziert und gegen 22 Uhr wieder zurückgegeben.
Stimmt das mit dem Interesse für Kameras oder ist das nur, um die Fotografen zu beruhigen?
Sebastian Krämer: Ja klar, man muss sich ja was ausdenken, damit man die erstmal kriegt, ne? Es ist immer sehr lustig, wenn es mehrere Fotografen gibt. Dann kann man nämlich an diesem Objektiv vorne vergleichen, wer den Größten hat – und das ist dann auch immer ein großes Hallo.
Das ist dann also eine geplante Improvisation. Ist dann auch das Glasumkippen improvisisert gewesen?
Sebastian Krämer: Nein, das ist nicht geplant gewesen.
Aber es passiert öfter?
Sebastian Krämer:Ja, klar, wenn man es auf der Bühne stehen hat und da rumläuft, dann tritt man halt dagegen. Es ist leider blöd mit diesem Glas – es gibt keinen wirklich guten Platz dafür. Man müsste sich da extra noch einen Tisch hinstellen oder so.
In dem Ankündigungsprospekt steht, dass Sie ein «Dada-Chansonnier» sind. Würden Sie dem zustimmen?
Sebastian Krämer: Naja, weiß ich nicht … Also es gibt sicherlich auch Einflüsse vom Dadaismus, aber jetzt auch nicht mehr als vom Expressionismus oder von der Romantik oder dem Punk. Eigentlich würde soetwas nur stimmen, wenn man der Epoche auch wirklich angehört. Da das aber sowieso nicht der Fall sein kann, so 100 Jahre später.
Was machen Sie dann? Poetry Slam oder Kabarett oder wie nennen Sie das?
Sebastian Krämer: Ich nenne das einfach „Lieder“. Sänger und Dichter sage ich meistens. Poetry Slam gewiss nicht, das ist ja eine Wettbewerbsform.
Das haben Sie aber schonmal gemacht ...
Sebastian Krämer: Ja.
Früher, jetzt nicht mehr?
Sebastian Krämer: Im Moment komm ich wenig dazu und hab da auch nicht mehr so viele Gelegenheiten und nicht mehr so viel Interesse, aber habs ne Weile ziemlich viel gemacht. Findet man auch was drüber. (lacht)
Sie sind wirklich in einem ländlichen Lehrerhaushalt aufgewachsen - war das schrecklich?
Sebastian Krämer: Ja, und nein. Ist natürlich ganz anders, aber kann mich nicht beklagen.
Wir haben noch eine interessante Entdeckung gemacht. Der Krawattenknoten, was hat es damit auf sich? Das ist schließlich kein normaler Krawattenknoten ...
Sebastian Krämer: Das stimmt. Man muss sich ja durch irgendetwas auch bemerkbar machen, nicht? Eher auch aus modischen Gründen auf der Bühne. Das andere ist nur so nebenbei, um es irgendwie zu rechtfertigen.

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Das Clavichord ist Sebastian Krämers Markenzeichen. Sein Lautstärkespektrum reicht von «leise» bis «unglaublich leise».


Sebastian Krämer am Flügel.

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die wichtigsten Fragen fallen einem schließlich erst dann ein, wenn man auf dem Weg nach Hause ist.

Doch seit der Abi-Fahrt nervt Philipp schon mit seiner Interpretation von "Wovon träumst du"... Er hält die Person auf dem Sofa für eine FRAU und zwar nur deshalb, weil eine Frau schließlich keinen Bohrer oder Dielenschleifmaschine bedienen kann ... Für mich ist der Couchpotato - natürlich - eher ein Vertreter der männlichen Spezies. Also habe ich kurzerhand eine Mail an Sebastian Krämer geschrieben, um der Frage endlich auf den Grund zu gehen. Hier seine Antwort:

Liebe Lisa Roderer! Offen bekennend, dem klassischen Kabarettgänger - für den ich Sie übrigens gar nicht gehalten hätte! - elementarste Ansprüche schuldig zu bleiben, möchte ich vorschlagen, die Möglichkeit in Erwägung zu ziehen, daß es eben gar keine Klischees sind, wovon da gesungen wird. Erst durch die übliche Rollenzuordnung werden die Details zu Klischees.

Was Ihre Hoffnung auf ein Mißveständnis betrifft, wäre vor allem zu sagen, daß es ganz überflüssig ist, in die erörterte Frage irgendwelche emotionalen Regungen zu investieren, es sei denn, Sie haben diesbezüglich sehr hohe Wetten abgeschlossen.
Es steht hier nicht die Ehre der Frau in Gesellschaft und Partnerschaft auf dem Spiel, das Lied vertritt keine Meinung, weder meine noch die von Karl Schmidtke; wer in der Literatur (und eben auch in meinen Liedern) noch nach Aussagen sucht, ist wahrscheinlich Deutschlehrer. Ich weiß nur, daß das Lied, auf das Sie gehofft haben, mir zu langweilig wäre. Mit den besten Grüßen und einfach mal so ganz dreist zurück-Sie-zend,

Ihr Sebastian Krämer

der Mann sieht nicht nur gut aus - verheiratet und hat drei Kinder - der hat auch eine Zunge, für die er hoffentlich einen Waffenschein besitzt :o)

Ich habe nicht mit der Interpretation angefangen ;)

Du scheinst aber der zu sein, der Frauen als Dummchen sieht ... Wer hat die GS-Regale zusammengeschraubt, während du krank im Bett lagst? Na? Genau, eine Frau, genauer zwei Frauen ... Ahhhhh oder sind Frauen, die mit Werkzeugen umgehen können für dich Emanzen oder besser Feministin? XP

Feministinnen muss es natürlich heißen.^^

Wir sind hier nicht beim Kantinenlesen, eher beim Federlesen ...

Wenn du zum Krämer gehst, vergess Pandora NICHT!

Friss oder stirb! Nimm und lies! VERGISS dies nie! Deutschlehrer, wo seid ihr, wenn ihr mal gebraucht werdet?

wer erdreistet sich die Totenruhe dieser Seite zu stören?!

Pandora zu kritisieren ist durchaus erlaubt ... aber war es wirklich notwendig ausgerechnet Deutschlehrer zur Hilfe zu rufen? ;-)

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