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Deine Welt (Teil 4): Tunguska

19. November 2009 - 19:03

Handelt es sich dabei um eine neue Wodkasorte, einen Spionagefilm oder vielleicht ein PC-Spiel? Nein, es dreht sich hier um eine Region in Sibirien, die vor über 100 Jahren von sich reden machte. Wir berichten von ollen Kamellen? Natürlich nicht, denn Forscher der Uni Bologna suchen noch immer den Meteoriten, der für das Ereignis vom 30. Juni 1908 verantwortlich sein soll, für das die Sprengkraft von über 1000 Atombomben vom Typ Hiroshima notwendig gewesen wäre.

Text von Lisa Roderer

Das kleine Rentierhirtenvolk der Tungusen – die einzig unmittelbar Betroffenen – schwieg zu den Geschehnissen, denn es glaubte, dass der Feuergott Agdy seinen Zorn in ihrem Gebiet ausgelassen hatte und mied dieses fortan, damit es ihn nicht noch einmal erzürnte - so berichtete jedenfalls Geo. Erst nach 20 Jahren machte sich der Geowissenschaftler Leonid Alexejewitsch Kulik auf den Weg in die unwegsame Region, nachdem ihm zufällig eine alte Zeitung in die Hände gefallen war. Was er gelesen hatte, ließ ihn annehmen, dort einen Meteoriten vorzufinden. Er betrat als erster Forscher das Unglücksgebiet recherchierte, katalogisierte und fotografierte. Doch fand er bei seinen fünf Expeditionen weder einen Krater, noch ein Gramm Meteoritengestein. Dafür konnte durch seine umfangreichen Recherchen der letzte Junitag im Jahr 1908 wie folgt rekonstruiert werden:

Es ist 7:14 Uhr am Morgen, die Sonne geht gerade auf im mittelsibirischen Bergland. Doch werden die Ewenken – so werden die Tungusen heutzutage genannt - nicht durch das Licht der aufgehenden Sonne, sondern vielmehr durch gewaltige Donnerschläge über ihnen und dem bebenden Erdboden unter ihnen geweckt.

Hierbei handelt es sich neuerdings mehr um eine goldene Kuh als um ein Forschungsobjekt.


Einige der Hirten, die neugierig ihre Zelte verlassen, werden von einer Böe erfasst und ein paar Meter durch die Luft geschleudert, beim Aufprall ihrer Körper auf der harten Erde zersplittert der eine oder andere Arm- oder Beinknochen. Doch schon ist erneut ein ohrenbetäubender Knall und eine riesige Feuersäule wahrzunehmen, genauso wie die Schreie aus den Kehlen der in den Ställen angebundenen Tiere, die dort bei lebendigem Leibe verbrennen. Bäume werden regelrecht aus dem Boden gesprengt, andere dagegen bleiben zwar angewurzelt stehen, doch werden sie durch die Druckwelle ihrer sämtlichen Äste beraubt und wirken wie Telegrafenmasten, der Rest wird streichholzgleich umgeknickt. Wieder ein lauter Knall und wieder eine riesige Säule aus grellem Licht und die weithin zu spürende Hitze. In der 65 km entfernten Handelsstation Vanavara gehen Fenster zu Bruch und ein alter Mann, der auf der Bank vor seinem Haus sitzt, wird von seiner Sitzgelegenheit geblasen. Andere Einheimische fühlen die Hitze und wähnen, dass ihre Kleidung brennt. Nach dem Ereignis liegen mehr als 60 Millionen Bäume am Boden, in allen möglichen Richtungen vom Epizentrum weg oder den Höhenrücken bzw. Tälern folgend; aus der Luft mutet das 2.000 Quadratkilometer große Gebiet (etwa so groß wie das Saarland) wie zahllose gigantische Mikadospiele an. Doch nicht nur Sibirien, nein, auch der Rest der Welt, kann etwas spüren, wie seismische Aufzeichnungen rund um die Erde beweisen. Und noch ein weiteres Phänomen ist über Westasien und Europa zu beobachten: Es wird ganze dreieinhalb Tage und Nächte lang nicht dunkel … In allen Teilen der Welt sucht man nach Erklärungen, doch die russische Regierung verdrängt die Geschehnisse und tut so, als wäre nie etwas geschehen in Tunguska. Heute, über ein Jahrhundert später, lautet die offizielle Erklärung immer noch, dass ein Meteoriteneinschlag schuld ist an jenem Ereignis am 30.06.1908, und das trotz fehlendem Einschlagkrater und fehlendem eisen-nickel-haltigem Gestein. Aber genau das, will das Team aus Bologna in diesem Jahr noch finden, denn es nimmt an, dass der Lake Cheko der Einschlagkrater ist und sich in seinen Tiefen, der bis heute so verzweifelt gesuchte Verursacher verbirgt …

Nun seid ihr weit genug in die Materie eingestiegen und bereit für den Film über Tunguska (1908) der vor einigen Wochen auf 3SAT gelaufen ist, gute Unterhaltung.

Keine Ahnung, welche der vielen Theorien ihr für glaubhaft erachtet. Wir haben uns für die von Professor Wolfgang Kundt entschieden. Im Jahr 2001 war er selbst im Katastrophengebiet und kam – wohlgemerkt als Astrophysiker – zu einer ganz anderen Erklärung, aber davon will er euch selbst erzählen:


Professor Wolfgang Kundt: Danke für die - durchaus berechtigte - Nachfrage zum Thema Tunguska (1908). Hierbei handelt es sich neuerdings mehr um eine goldene Kuh als um ein Forschungsobjekt: die italienische Gruppe aus Bologna lässt sich alljährliche Forschungsreisen zum Tatort finanzieren und einige Amerikaner haben es geschafft, sich von der NASA sponsern zu lassen, um uns vor den angeblich bevorstehenden Gefahren aus dem Weltraum zu beschützen. Sie unterdrücken die Tatsache, dass bei gleicher Zerstörungsenergie diejenigen aus dem Weltall rund 30 mal seltener sind, als diejenigen durch terrestrischen Vulkanismus. Meine Merkmalliste weist 28 Gründe auf, die Tunguska (1908) als Kimberlit ausweisen – d. h. Auswurf statt Einsturz - und dass eine Einsturzgefahr in naher Zukunft (< Ma; Abkürzung für Mega Jahr oder Millionen Jahre) gar nicht besteht. Aber daran war der Fernsehkäufer gar nicht interessiert. Jetzt zu Ihren Fragen:
Sie haben Tunguska mit den Kratern in der Eifel verglichen, wo sind für Sie dabei die Parallelen zu ziehen?
Professor Wolfgang Kundt: Die über 200 Maare der Eifel gibt es laut Geologen seit ca 1 Ma, alle vulkanischen Ursprungs; bei ihrer Entstehung wurden große Aschemengen abgeblasen. Das Laacher Maar ähnelt dem Lake Cheko (nahe dem Epizentrum der dortigen Katastrophe, in der Gestalt: kegelförmig, Ausgasungen, mit Baumstämmen unter Wasser). Die Höhendifferenzen der umliegenden Berge sind ähnlich: 300 bis 800 m. Vielen Maaren fehlt ein Kraterrand, (der bei Einsturz entstehen würde).
Wurde dieses Ereignis durch Methangas ausgelöst oder war es doch ein Zusammenspiel aus einem Kometen (Theorie der italienischen Wissenschaftler) und einem Cocktail diverser Gase?
Professor Wolfgang Kundt: Ja, es ist Erdgas gemeint, dessen Hauptbestandteil Methan ist (auch Wasserstoff, Helium, Schwefelwasserstoff und Kohlendioxid kommen darin vor). Die Bolognagruppe hat sich angewöhnt, von «Meteoriten» zu sprechen, bereits in den Überschriften ihrer Artikel, auch wenn ihre Analysen stets als «mit Erdbeben und Ausgasungen verträglich» lauten. Kimberlite gibt es in allen Erdteilen, benannt nach der afrikanischen Stadt Kimberley, die durch ihre Diamant- und Goldfunde reich wurde. Auswürfe finden zeitlich in großen Abständen statt, seltener als alle Ma, geschahen also meist vor langer Zeit.
Geht von den auftauenden Permafrostböden in Sibirien die gleiche Gefahr aus bzw. könnte sich dadurch ein solches Ereignis wiederholen?
Professor Wolfgang Kundt: Richtig, die Taiga ist reich an Erdgasausströmungen, alle Jahre, mit jahreszeitlich wechselnder Intensität. Aber große Erdgas-Ausbrüche sind selten, sie kommen völlig unerwartet und füllen sich nur langsam wieder zu großen Drücken auf.
Auch das Methanhydrat in den Weltmeeren droht zu schmelzen. Welche Folgen hat das ihrer Meinung nach?
Professor Wolfgang Kundt: Solche Methangas-Ausbrüche sind in der Luftschiffahrt bekannt und berüchtigt, kleinere von ihnen werden als "mystery clouds" mehrfach pro Jahr gesehen. Entstehen sie über Land, kommt es oft zu elektrischen Entladungen (Blitzen) und Flammen, entstehen sie hingegen unter Wasser, sind sie schwer zu entdecken. Entlang ihrer Oberfläche - die sich bei ihrer Expansion (beim schnellen Aufsteigen) stark abkühlt – kondensiert Wasserdampf und macht sie dadurch sichtbar (weißlich).
Könnte der Mythos Bermuda-Dreieck mit Methanblasen zu tun haben? Gibt es Ihrem Kenntnisstand nach Beweise für eine solche Theorie?
Professor Wolfgang Kundt: Ja, das Bermuda-Dreieck enthält viel Methanhydrat (am Meeresboden) und ist wiederholt als Ursache für Schiffs- und Flugzeug-Unglücke verdächtigt worden. Veröffentlichungen hierzu habe ich in einigen meiner Arbeiten zu Tunguska zitiert.

Für alle Interessierten noch einmal meine inzwischen 28 Gründe im Überblick:

NOCH HEUTE SICHTBAR:
(1) Das Baumfallmuster ist grob radial, d. h. sein Gesamtimpuls ist Null (strahlenförmig)
(2) Es folgt der Oberflächen-Topographie, d. h. den Tälern, Höhenrücken, mit dem Krinov-Profil: fast ungestört in den Tälern, Kopf ab an den Hängen, flach auf den Graten; d. h. der Schub kam nicht von oben
(3) Hat mindestens 5 Zentren, mit der Struktur (nach Kulik) von:
(4) 'Hexenkessel', 'Merrill Zirkus',' Amphitheater'
(5) `Telegraphenmasten´ im Hexenkessel (wie bei Hiroshima: Überschall-Stosswelle)
(6) Weit geschleuderte Baumstümpfe und John's Stein (kein Meteorit, sondern Gestein aus dem Erdinneren)
(7) Kein Gramm extraterrestrischer (außerirdischer) Materie wurde gefunden, d. h. < 10^ (-10+-2; bei Vergleich mit Einsturz-Ereignissen)
(8) Kein Einsturzkrater, stattdessen:
(9) Trichterförmige, mit Wasser gefüllte Löcher, deren eines - das Suslov-Loch - einen Baumstumpf nahe seiner Mitte aufwies. Auch soll ein "trockener Graben" existiert haben, angefüllt mit "Steinen".
(10) Die in der Schicht von 1908 gefundenen chemischen Elemente und Isotope zeigen Häufigkeitsverhältnisse wie nach Ausgasungen und Erdbeben, nicht wie bei extraterrestrischem Einsturz - wie Veröffentlichungen von Longo et al und Kolesnikov behaupten.
(11) In jahrelangen Kontroversen wurde sowohl gegen einen (steinigen) Asteroiden als auch gegen einen (eisigen) Kometenkopf argumentiert

AUGENZEUGENBERICHTE ...
(12) "zuerst Lärm" (statt "Licht": Barisal guns), "sodann"
(13) "Feuersäulen" am Himmel, (d. h. nicht: eine helle, horizontale Spur, bei Vergleich mit Einsturz-Ereignissen)
(14) "Hitze" auf der Haut von Einheimischen in Vanavara, (65 km entfernt), wie bei nahem, brennendem Holzstoss, d. h. aus großem Raumwinkel.
(15) Das Ereignis dauerte Minuten bis Stunde (nicht Sekunden). Ein Mann ging in sein Badehaus, um dem Tod sauber zu begegnen.
(16) Ein Mann in Vanavara wurde von seiner Bank vor dem Haus geblasen! Offenbar durch starke Druckwelle.

BEOBACHTETE FAKTEN:
(17) In Europa und West-Asien wurden 3,5 "helle Nächte" berichtet, die optische astronomische Beobachtungen unmöglich machten, wie nach dem Vulkanausbruch von Krakatau (1883): Streuer in großer Höhe (> 500 km) nötig.
(18) Erdbeben in Asien kulminierten (spitzten sich zu) am Tage des Ereignisses.
(19) Eine atmosphärische Druckwelle lief zweimal um die Erde.

GEOPHYSIKALISCHE GEGEBENHEITEN:
(20) Noch heute fällt der (historische!) Kulikovskii Krater auf IR-Aufnahmen vom Satelliten deutlich in den Blick, innerhalb des Khushminskii tektonischen Komplexes: geologisch ausgezeichnet!
(21) Das Gebiet ist das Maximum des asiatischen Wärmestroms (aus der Erde), ferner
(22) Zentrum geomagnetischer Anomalien sowie MOHO-Isohypsen (Frakturen oder Brüche in den Kratergesteinsschichten)
(23) Mehrere Faltungslinien laufen durch das Gebiet, darunter eine in Richtung auf den Baikal See
(24) Kimberlite (Schornstein gefüllt mit Gestein magmatischen Ursprungs; Lagerstätte für Diamanten) befinden sich in allen Kratonen (= Kerne der Kontinentalplatten)

GEGENWARTSNAHE FAKTEN:
(25) 1999 erlebten die Italiener am Cheko-See einen 4-stündigen Radon-Ausbruch! Offenbar tektonisch aktive Gegend (Ausgasung aus dem Erdinneren)
(26) Man hört von Diamanten-Funden, wahrscheinlich auch in o. g. trockenem Graben
(27) Bei gleicher Zerstörungsenergie gibt es 30-mal mehr Ausbrüche als Einstürze auf der Erde
(28) Aus der Erdoberfläche austretende Erdgaswölkchen werden seit über 10 Jahren gesichtet - vor allem von Flugzeugführern ("mystery cloud") - und haben wahrscheinlich schon mehrfach zu Unfällen in der Luftschifffahrt und Schifffahrt geführt. Sie steigen sehr schnell auf, und entzünden sich i. a. wenn sie über Land austreten, nicht dagegen, wenn sie aus den Ozeanen entweichen.

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«Geheimakte: Tunguska» verarbeitet auch dieses Thema.
Screenshot von Lisa Roderer


The day after ...
Foto: cc by-nc-sa von Bicholoco/flickr.com


Ein Meteoritenstück wie dieses hat man bis heute nicht gefunden ...
Foto: cc by-nc-nd von Crosa/flickr.com


Professor Wolfgang Kundt
Foto mit freundlicher Genehmigung von Professor W. Kundt


Kimberlite - die Trichter, aus denen das Gas entwich.
cc by sa von Wikimedia Commons

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Hallo Lisa, bei Ihnen muss ich mich entschuldigen: dass ich so spaet erst reagiere, auf Ihre letzte Post. Ich hatte recht voll besetzte Tage, die mich daran hinderten, Ihren Beitrag zu "meiner Welt-Teil-4" sorgfaeltig zu lesen. Beim ersten Nachschauen hatte ich einen guten Eindruck, trotz der Kuerzung, ueber die wohl nur Langsam-Leser stolpern werden, haette also sogleich begeistert reagieren sollen ... Inzwischen habe ich Ihren Link schon weitergereicht, mit positivem Echo, (nach Sued-Amerika).

Zwischenzeitlich habe ich auch endlich Surendra Verma's Buch "The Tunguska Fireball" bekommen, die Hardcover-Ausgabe, in der der schoene letzte Satz fehlt: "... I'll bet my proverbial two bob on Kundt's tectonic theory", mit dem die Paperback-Version schliesst. Immerhin gefaellt mir sein Chapter Eight: "A Blast from Below", wennschon er mich nicht hat Korrektur lesen lassen und dadurch 2 dicke Klopse eingebaut hat :).

Frohe Weihnachten wuenscht Ihnen Wolfgang Kundt.

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