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Reiche Eltern für alle – Eindrücke vom Bayreuther Bildungsstreik 2009

18. November 2009 - 20:36

Das Thema hatte einen etwas schalen Beigeschmack und die meisten waren bereits müde, weiter darüber zu debattieren – aber in den vergangenen Tagen erhielt die Diskussion neue Würze und schaffte es noch einmal auf die Titelseiten der Tageszeitungen.

Text und Fotos von Andreas Gebauer

«Wir sind hier und wir sind laut, weil man uns die Bildung klaut» skandieren Studenten in ganz Deutschland und besetzen kurzerhand die größten Hörsäle der Universitäten. In ihren Taschen und Rucksäcken tragen sie neben einem ganzen Katalog von Forderungen ihre Wut in die Diskussion: Ihre Wut über ein Bildungssystem, das sozial Schwache benachteiligt, ihre Wut über eine Reform des Studiensystems, die das Studium beschleunigen und vereinfachen sollte, in Wirklichkeit aber genau das Gegenteil erreicht hat – und ihre Wut darüber, diesen Entscheidungen scheinbar machtlos ausgeliefert zu sein.

Mittelmäßig die Teilnehmerzahl – bei knapp 10.000 Studenten und immerhin etwas weniger als 4000 Gymnasiasten an den Bayreuther Schulen erscheinen 700 Menschen als zu wenig


Am 17. November 2009, 14.00 Uhr, soll schließlich vom zentralen Rondell des Uni-Campus der Protest auch nach Bayreuth getragen werden: Anlässlich des Bundesweiten Bildungsstreiks 2009 findet im der ehrwürdigen Festspiel- und Universitätsstadt eine entsprechende Demonstration statt, eine Demonstration, an der neben ca. 700 Studenten und Schülern auch ich als Beobachter teilnehme … Eine Demonstration, die sich in vielerlei Hinsicht als «mittelmäßig» bezeichnen lässt. Mittelmäßig die Teilnehmerzahl – bei knapp 10.000 Studenten und immerhin etwas weniger als 4000 Gymnasiasten an den Bayreuther Schulen erscheinen 700 Menschen als zu wenig, um eine breite Meinung zu vertreten. Mittelmäßig liest sich der Katalog der Forderungen der Schüler und Studenten: Neben klar formulierten Zielen wie einer Abschaffung der Studiengebühren und dem sowohl auf Studenten- wie auf Schülerseite altbekannten Wunsch nach mehr Mitspracherechten in Gremien und Foren finden sich dort auch eher undeutliche Forderungen zum Beispiel danach, dass die «Bildung nicht an die Wirtschaft verkauft werden» darf. Ebenso wirkt die Aussage, dass das Bildungssystem in Bayern «marode und hinfällig» sei zu pauschal und wenig konkret und primär emotional geprägt.

Fest steht jedoch, dass am deutschen Bildungssystem enormer Nachbesserungsbedarf besteht – sowohl an Universitäten wie auch an Gymnasien, aber auch an Haupt- und Realschulen. Fest steht auch, dass die Reformen der vergangenen Jahre, wie die Einführung des G8 als auch der europaweit umgesetzte Bologna-Prozess an den Universitäten verbunden mit der Einführung des Bachelor/Master-Systems, viele der heutigen Probleme erst geschaffen haben. Und ebenso fest steht, dass die Zustände, wie sie im Moment bestehen – Universitäten, deren Gebäude wegen Einsturzgefahr geschlossen werden müssen, und ein Schulsystem, das sozial Schwächere im internationalen Vergleich klar benachteiligt – auf absehbare Zeit untragbar werden. Die Frage ist nur, ob die augenblickliche Protestwelle ausreicht, um die abgeschotteten Entscheidungsträger zu erreichen. Zu vielen Schülern und Studenten scheint es noch zu gut zu gehen, als dass sie ihre bequeme Position auf dem heimischen Sofa gegen eine kalte, regnerische und schlaglöchrige Straße eintauschen und ihre Meinung offen kundtun. Und zu vage erscheinen noch die Wünsche und Ideen der Betroffenen.
Einzig in den Reden im Rahmen der Abschlusskundgebung auf dem Luitpoldplatz scheinen einige klarere Formulierungen auf – hier ein Ausschnitt aus einer der Ansprachen:

«Wir fordern eine gut umgesetzte Ganztagsschule, die Schule als Lebensraum statt als Paukanstalt betrachtet!
Unserer Meinung nach sollte es eine vernünftige Stunden- und Pausenrhythmisierung geben, die sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse stützt.
Vonnöten ist ebenfalls selbstbestimmtes Lernen und Leben statt andauerndem Frontalunterricht, bei dem der Lehrer das Wissen mit einem Baseballschläger in die Köpfe prügelt.
Kostenloses Mittagessen, kleinere Klassen, vollkommene Lehrmittelfreiheit sollten endlich kein Luxus mehr sein, sondern der Alltag!
Und um endlich individuell auf die Schüler einzugehen und Persönlichkeiten zu bilden, sollten unbedingt weitere Schulpädagogen und- Psychologen eingestellt werden.

Zu guter Letzt sollten natürlich Mitspracherechte für Schüler auf Landesebene eingeräumt werden.


Zu guter Letzt sollten natürlich Schüler, um den demokratischen Prozess in Deutschland zu erhalten, auch Mitspracherechte für Schüler sowohl in der Schule ausgebaut werden, als auch bei der Gesetzgebung auf Landesebene überhaupt erst eingeräumt werden.»

Wären doch die Gesamtziele der Bildungsstreikbewegung ebenso knapp und klar formuliert! Dann würden die Betroffenen die Proteste vielleicht zahlreicher unterstützen… Denn ohne eine produktive Diskussion über weitreichende Veränderungen in der Bildungslandschaft – wobei die oben genannten Ziele natürlich nur ein Ansatz sein können – wird sich die ständig wachsende Unzufriedenheit der Schüler und Studenten irgendwann wieder einen Weg in die Öffentlichkeit bahnen, und dies dann vielleicht unter anderen Vorzeichen und in anderem Ausmaße.
Ansonsten war die Demonstration ihrem Veranstaltungsort Bayreuth durchaus angemessen: Moderat, gemessen, brav – und irgendwie eben mittelmäßig. Immerhin ist seit heute der Hörsaal H26 besetzt.

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Die Demonstration auf dem Weg zum Sternplatz


... und vor dem Canale Grande


Abschlusskundgebung auf dem Luitpoldplatz

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