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Wie ich ein Franzose wurde (Teil 2 von 3)

28. Januar 2010 - 20:59

Weiter geht es mit unserem Dreiteiler »Wie ich ein Franzose wurde«; der Spaß auf dem Kanal hat gerade erst richtig begonnen ...

Text von Lisa Roderer, Martin Gross und Philipp Schmieder | Fotos von Lisa Roderer

Di, 04.08.


Philipp: Gegen 08:00 kommen wir in Agde an, wo die beiden Hausboote auf uns warten. Da der Verleiher uns die Boote aber erst gegen 15:00 geben möchte, dürfen wir nochmals etwas Zeit in der Kleinstadt verbringen – immerhin gibt es in Agde einen Park, in dem man sich ausruhen kann, auch wenn es dort etwas trostlos aussieht.
Als die Boote dann endlich bereit stehen, treffen wir einen sympathischen Exil-Koblenzer, der uns eine viel zu knappe Einführung gibt, wie man mit den Booten umgeht. Er ist ein «ehemaliger Arbeitsloser», wie er erzählt, der mit seinem VW-Bus vor acht Jahren mal eine Panne in Agde gehabt hat und danach keine Lust mehr hatte, zurück nach Deutschland zu gehen und hier schließlich einen Job bei der Bootsvermietung gefunden hat.

Hmm, die Pizza ist etwas ... französisch ... Aber auch das überleben wir.


Die Abfahrt verzögert sich um gefühlte tausend Stunden, da Uli paranoiderweise den (leeren!) Bus nur auf einem besonders gesicherten Parkplatz abstellen will, die Kommunikation mit dem Parkplatzwärter aber wohl nicht ganz geklappt hat. Nachdem wir die Boote begutachtet haben, beschließt Martin, mich zusammen mit Roman auf das kleinere abzuschieben. Ich bin jetzt Kapitän!
Gleich die erste Schleuse ist ein Desaster und ich brauche fast eine Viertelstunde, um das Boot durch den engen Eingang zu manövrieren – daran, dass wir selbst an der Schleusenmauer festmachen könnten, ist gar nicht zu denken und so machen wir am anderen Boot, auf dem man sich köstlich über unsere Unfähigkeit amüsiert, fest.
Unser Plan ist es, bevor wir richtig loslegen, noch einen Abstecher zum Etang de Thau, einem kleinen Mittelmeerausläufer zum Schwimmen zu machen. Doch wie es das Schicksal so will, kommen wir ganz kurz nach 19:00 an die letzten Schleuse, die uns noch vom Etang trennt – und ab 19:00 bleiben alle Kanalschleusen geschlossen.
Also dürfen wir mitten in der Pampa übernachten, was den Teilnehmern offenbar recht gut gefällt. Da Martin keine Lust hat, sich um das Programm zu kümmern, fällt diese ehrenwerte Aufgabe mir beziehungsweise Philippe zu; zusammen mit Lisa improvisiere ich also zum Thema «Journalistische Stilformen» und «Journalistenethik».
Eine weniger erfreuliche Sache ist, dass Fabian und Julia die Finger nicht mehr voneinander lassen können und darauf bestehen, zusammen auf dem Deck vom großen Boot übernachten zu dürfen ...
Auf unserem kleinen Boot ist das Schlafen einfacher geregelt: Nachdem ich Roman von unserem gemeinsamen Sofa auf den Boden verbannt habe (kein übermäßiges Mittleid, er hatte eine Isomatte und einen Schlafsack dabei), sind die Verhältnisse geklärt.
Lisa:Nach einer Nacht mit unruhigen Schlaf - die Bussitze sind auf Dauer nicht sonderlich bequem - kommen wir endlich in Agde an. Da wir die Boote leider erst am Nachmittag übernehmen können, müssen wir die Zeit noch in Agde totschlagen. Philipp will unbedingt auf eine Insel mitten in der Stadt. Was uns erwartet, war alles andere als erholsam, die Bäume und das Gras sind vertrocknet und das ganze wirkt eher trostlos - die sengende Hitze hält anscheinend schon ziemlich lange an. Wir entdecken ein Podest, auf dem wir uns zuerst niederlassen, allerdings dösen die anderen zwei etwas ein, und mir ist langweilig. So beschließe ich mich wieder ein wenig in Richtung Zivilisation zu bewegen - was allerdings damit endet, dass ich mich doch nach ein paar Metern erschöpft in die Sonne setze und ein Fotos schieße. Nachdem sich die beiden Anderen wieder einigermaßen erholt haben, gehen wir in Richtung Kathedrale, wo wir uns, zumindest dachte ich so, kurz niederlassen. Jedoch scheinen die Männer schon wieder müde zu sein ... Anschließend versuchen wir eine Zeitungsredaktion aufzusuchen, die uns Kontaktdaten zu Redaktionen, die auf unserer Strecke (Agde - Carcassonne) liegen, geben könnten. Wir werden sogar fündig.
Als wir endlich die Boote übernehmen können, bombadiert uns der ehemalig arbeitslose Schiffsverleihangestellte mit seltsamen Worten: Was ist bitte ein Fender? Ich kümmere mich darum, ob das auf dem kleinen Boot vorhandene Inventar wie beschrieben vorhanden ist ... Die Teilis nörgeln rum, dass sie endlich losfahren wollen und duschen - verstehe ich auch voll und ganz, aber wir müssen noch auf Uli warten, der seinen Bus auf einem bewachten Parkplatz abstellen will. Eine gefühlte Stunde später sind wir wieder vollständig und können endlich losfahren. Herrlich, wie die anderen sich beim Einfahren in die Schleuse abmühen – selten habe ich bessere Livecomedy gesehen. Sie fahren verzweifelt vor und zurück und machen dann irgendwann bei uns fest.
Aber leider läuft auch hier bei uns nicht alles nach Plan, denn die Kühlung funktioniert nicht und ein Teil des Gyros, das wir gekauft haben, ist verdorben (was Philipp natürlich ungemein freut; der hat ja sein Vegi-Gyros). Die Mädels liegen faul auf dem Deck und fordern ständig lauthals, wir sollen doch bitte in der Sonne fahren ... die wissen schon, dass wir hier nicht nur zum Chillen sind, oder?
Den Tomatenreis, den wir nach Philipps fachmännischer Anleitung kochen, ist danach gut al-dente ... In Punkto kochen verlasse ich mich sicher nie wieder auf seine Devise «das habe ich schon mal gekocht» (ohne Rezept selbstredend). Irgendwie nervt mich das hier alles, denn während die anderen oben eine lustige Vorstellungsrunde veranstalten, darf ich in der Küche abwaschen ...
Martin:
Eureka: Agde! Wir sind endlich angekommen - nur die Boote sind erst in 5 Stunden bereit. Na toll. Auch wenn ich vor 3 Jahren schon Mal hier vorbeigefahren bin, erinnere ich mich nicht wirklich daran. Egal. Erst Mal alle in die Stadt scheuchen, während wir uns zum Bahnhof begeben, um das Rückfahrticket für Uli abzuholen. Die SNCF ist aber irgendwie genauso planlos wie die Deutsche Bahn. Ich solle doch bitte die PIN-Nummer für meine Kreditkarte eingeben. Ähm, nein, die hat keine. Doch. Nein. Doch. Nein. Doch. Nein. Ah, da kommen die Tickets ja schon.
Weiter in die Stadt, einfach Mal ein bisschen Erkunden. Die große Brücke kommt mir sehr vertraut vor. Wir beschließen erstmal in den Park zu gehen und uns auszuruhen. Philipp und ich ruhen erst ein Mal etwas auf einer Bühne, während Lisa sich etwas zurückzieht? Was plagt die gute nur? Sagen tut sie ja nichts, außer das wir beide schon jetzt genug von Philipp haben - genauso wie die Teilnehmer Roman schon jetzt gerne Kielholen würden.

Wir laufen weiter durch die Stadt, nicht ohne zuvor Laura mitzuteilen, dass der Friseur heute leider geschlossen hat. Es bricht Panik aus.


Später geht es dann noch "Downtown", was aber eher "Uptown" wäre... Oben angekommen, werden Erinnerungen wach... An laue Sommernächte, ausgelassene Jugendliche... Verdammt, was krakelt denn dieser doofe Zirkus-Werbewagen da rum?! Jetzt erstmal was essen gehen. Hmm, die Pizza ist etwas ... französisch ... Aber auch das überleben wir.
Wir laufen weiter durch die Stadt, nicht ohne zuvor Laura mitzuteilen, dass der Friseur heute leider geschlossen hat. Es bricht Panik aus. Zumindest bei ihr. Dann setzten wieder die Erinnerungen ein und ein grenzdebiles Grinsen schiebt sich in mein Gesicht. Also los, erst Mal ein Granita kaufen und mit Lisa teilen. Hach, toll... Frankreich und so...
Endlich, 15:00 Uhr. Wir bekommen die Boote, eine Einführung und ich beschließe Roman und Philipp auf das andere, kleine Boot zu schicken. Zum einen, weil so dann nicht nur Mädels auf dem Boot sind. Und zum anderen, weil das so in meiner Planungsliste der Bootsbelegungen drinnen steht, welche ich in tagelanger Feinarbeit ausgeklügelt habe - immer den Jugendschutz im Hinterkopf gedenkend.
Endlich geht es dann los. Irgendwie bin ich froh, mit Lisa das große Boot zu haben, das kleine scheint sich echt beschissen zu lenken. Dementsprechend ist die erste Schleuse ein Desaster. Aber irgendwie geht es voran. Bis zur letzten Schleuse, die uns vom Etang de Theau trennt. Mist! Schon geschlossen. Also anlegen, Kochen, Essen und kleine Abendübungen. Unser kleines Liebespärchen geht mir schon jetzt etwas auf den Wecker: Wieso bringen die mich dazu, meine Prinzipien über Board zu werfen (nebst einem Edding)?
Zuletzt noch schnell den Mitteltisch in ein gemütliches Doppelbett für Lisa und mich umbauen. Hmm... Wo ist denn da die Anleitung? Klar, keine da. Also einfach Mal auf gut Glück probieren. Wir bekommen nicht viel anderes hin, als eine unebene Fläche... Ich beschließe, meine Kissen auf dem Boden zu legen und auf dem harten, aber ebenen Holz des Tisches zu schlafen. Beschließe, morgen mir heimlich den Platz von Lisa im Bett zu krallen, da kann man im Zweifelsfall nicht aus dem Bett rollen sondern ist zwischen Boot und Bettgenossen eingeklemmt.

Mi, 05.08.


Philipp:
Aus einem unerfindlichen Grund bin ich heute schon um 06:00 aufgewacht (also mitten in der Nacht, quasi) und mache mich dann eine halbe Stunde später daran, die anderen mit den Klängen von «Guten Morgen Sonnenschein» aufzuwecken. Als die Schleuse wieder aufmacht, fahren wir zwei Stunden Richtung Etang de Thau bis Martin feststellt, dass es noch viel zu weit wäre und wir lieber gleich umkehren sollten – schließlich müssen wir es letztlich bis Carcassonne schaffen.
Bei einer der Schleusen zwischen dem Etang und Agde gerät das Boot außer Kontrolle und kracht in voller Fahrt an die Schleusenmauer. Die Verkleidung ist teilweise abgerissen, was ziemlich dramatisch aussieht. Ist die Fahrt jetzt schon zuende? Wir wollen zurück zum Bootsverleih; schließlich funktioniert bei den anderen der Kühlschrank auch nicht.
Kurz vor Agde beschließt Martin dann aber, dass wir einfach weiterfahren. Fabian, Uli, Roman und Lisa versuchen also, mit viel Gaffer-Tape, einem Hammer und einem Feuerzeug, die Verkleidung zu reparieren und wieder gerade zu biegen.
Auf der Weiterfahrt bleiben Schleusen und Brücken echte Herausforderung, was mich zu Ansagen à la «Bitte stellen Sie Ihre Sitze in aufrechte Sitzposition und legen Sie Ihre Sicherheitsgurte an.» verleitet, auch wenn es natürlich keine Sicherheitsgurte auf dem Boot gibt.
Heute machen wir am Hafen von Villeneuf-les-Béziers fest, wo wir auch einkaufen gehen können – es gibt dort frische Datteln! Und auch wenn Lisa erst behauptet, dass sie keine Datteln mag, mampft sie dann doch noch ganz schön viele davon.
Als wir feststellen, dass das Fleisch verdorben ist, bin ich zugegebenermaßen ein bisschen schadenfroh, schließlich hatte ich das schon vorausgesagt. Da Lisa mit den Nerven am Ende ist, kümmere ich mich dann aber doch zumindest darum, die verwesten Leichenteile zu entsorgen – als ich eine Französin am Kai nach einer öffentlichen Mülltonne frage, erkennt sie sofort den deutschen Akzent; die Teilnehmer ahnen aber noch nichts.
Großzügig wie ich bin, opfere ich meine wertvollen Sojanuggets für den Bauernsalat, den Lisa geplant hatte. Bin ich nicht ein guter Mensch? Als Sättigungsbeilage improvisiere ich noch ein Tomatenrührei, was den Teilnehmern offenbar ganz gut schmeckt. Angeblich sollte es hier Strom geben – wir haben noch eine Filmnacht geplant – aber offenbar lügt der Kanalführer.
Lisa:
Philipp weckt uns auf und hat aus einem unerfindlichen Grund total gute Laune. Warum? Während wir in Richtung Etang de Thau fahren, wird es immer wärmer und wärmer und das Wasser wird immer veralgter. Deshalb drehen wir schlussendlich doch um, statt baden zu gehen. Als uns das «kleine Boot» schließlich wieder einmal einholt, hängt ihre Verkleidung in Fetzen und wir wollen zum Bootsverleih zurück. Martin beschließt allerdings, das lieber selbst notdürftig zu reparieren. Philipp sitzt emomäßig in der Ecke und hilft nicht dabei. Ich helfe den anderen und mache Fotos.
Als wir am Abend in Béziers halt machen, sind die ganzen Hähnchen verdorben – ich habe das dringende Bedürfnis, jemanden zu Hackfleisch ... lassen wir das. Philipp meint, wir sollten Rühreier mit Tomaten machen und seine Sojanuggets in den Salat tun. Gut, irgendwas muss man ja essen und das Rührei taugt als Magenfüller, allerdings hat Philipp vergessen die Eier zu würzen. Die Sojanuggets sind garnicht so schlecht. Kriege allerdings trotzdem nicht viel runter - habe immer noch den Geruch vom verdorbenen Fleisch in der Nase. Später gehen die Teilnehmer dann in eine Kneipe und wir sind mit Roman allein. Endlich können wir uns auch mal entspannen und unterhalten. Chillus. Datteln sind doch nicht so schlecht, wie ich sie in Erinnerung hatte ... Als die anderen wieder zurückkommen, schickt Philipp sie wieder weg und wir können uns weiterquatschen. Um Mitternacht singen wir dann für Uli Happy Birthday, denn er hat Geburtstag. Insbesondere über die Flasche Sekt, die wir ihm mitgebracht haben, scheint er sich zu freuen ...
Martin:
Ein Tag voller Fahrt liegt hinter uns. Programm war vergleichsweise wenig dabei, aber immerhin ein bisschen. Wir beschließen (unter meinem fachkundigen "Scheiße! So war das nicht geplant! Damn!"), doch lieber umzudrehen und wieder Richtung Carcassonne zu fahren. Schade, dabei hätte ich gerne noch ein Mal Marseillette gesehen.
In der Schleuse setzt Philipp das Boot ziemlich fieß an die Wand - aber es fährt noch. Erst später stellt sich heraus, dass das Boot vorne seine komplette Schutzleiste einbüsen müsste ... Wir sollten beim Bootsverleih anhalten und das reparieren lassen. Und der kaputte Kühlschrank bei uns ist auch doof.
Kurz vor dem Bootsverleih erreicht uns die Erkenntnis, dass eine Reperatur uns wohl mindestens 4 Stunden kostet - also lieber weiter und nachher selbst mir Gaffa-Tape, aufgedröseltem Tau und Feuerzeug reparieren. Philipp ist voll Emo drauf - aber irgendwie ist er das ja öferts. BTW: Bin immernoch überascht, dass keiner was gemerkt hat, obwohl er fast ohne pseudo-Französischen Akzent die meiste Zeit spricht.
Kurzes Anlegen in Villeneuf-les-Béziers. Wow, ein Spar-Markt! Leider zu spät an Björn "Shopblogger" Harste gedacht. Aber es gibt dort gutes Baguette, Getränke, Früchte, Fleisch und Kinder-Pingu. Philipp und ich stellen erfreut fest, dass es eine Cash-Back-Aktion gibt, bei der man eigentlich also das ganze Ding umsonst bekommt. Nehmen uns fest vor, den Coupon auszufüllen.
Irgendwann am Abend die Ankunft in Béziers am Fuß der Schleusentreppe. Wenigstens gibts hier Strom im Hafen - sagt der Kanalführer und sagt meine Erinnerung. Beide Lügen. Aber immerhin ist Wasser da. In diesem Moment bin ich sogar ganz froh, dass kein Strom da ist: Der Wasserhahn ist direkt unter den Stromdosen montiert. Glücklicherweise fehlen aber die Zuleitungen zu den Stromdosen - einfach rausgerissen worden.
Es folgt ein Entspannter Abend mit vielen sinnigen Diskussionen und einem Abschlussständchen für Uli. Mittlerweile schlafen Lisa und ich auch nicht mehr auf einer Buckelpiste sondern auf einer geraden Ebene - die beiden Jungs (also weder Philipp noch Roman) haben gute Puzzel-Fähigkeiten an den Tag gelegt. Mein Platz-Tausch-Plan geht gut auf, jedoch bemerke ich einen bemerkenswerten Kalkulationsfehler: Ich liege wie ein Stein und bewege mich kaum, wenn ich mir das Bett mit jemandem teile. Finde ich super, gleich mal morgen nachfragen, ob man Lisa auch mieten kann als Roll-Stopp.
Und morgen geht es dann die Treppe rauf - hurra!

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