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«Ach, was reg’ ich mich eigentlich noch auf…»

16. Februar 2010 - 20:06

Ungezählte Male hallen diese Worte über die Zuschauer an diesem Abend hinweg. Es liegt ein resignierter, ein gebrochen-depressiver Unterton in ihnen – der Ton eines Mannes, der viel gesehen zu haben glaubt und der nun, am Ende seiner Tage, feststellen muss, dass sich die Welt, trotz all seiner Erkenntnisse, all seiner hinzugewonnenen Weisheit, nicht von ihm ändern lassen wird. Bitteres Resümee seines Lebens oder doch nur Show?

Text von Andreas Gebauer | Foto von Janina Werner

Dabei ist Hagen Rether, der an diesem Abend vor dem Münchner Publikum einen weiteren Auftritt seines Kabarettprogramms „Liebe“ absolviert, erst 41 Jahre alt.
Nachdem endlich alle Zuschauer – die grundsätzlich zu spät zu kommen scheinen – ihre Plätze im provisorischen Zeltbau des Deutschen Theaters München gefunden haben, betritt ein Mann in hellem Jackett die Bühne, aufrecht nimmt er lächelnd den Applaus des Publikums entgegen und ebenso lächelnd lässt er sich in seinem für ihn so charakteristischen Bühnenarrangement nieder. Ein schlichter blauer Schreibtischstuhl, um darauf immer noch breit lächelnd und händereibend Platz zu nehmen, und ein ziemlich schäbig aussehender Konzertflügel, um ihn später aufwändig putzen und auch ein wenig spielen zu können – dies sind die einzigen, von einem einsamen Scheinwerfer statisch beleuchteten Kulissenobjekte, die einen der erfolgreichsten deutschsprachigen Kabarettisten bei seinem Auftritt begleiten. Hier wirkt Hagen Rether noch in keiner Weise resigniert, es liegt vielmehr ein scheinbar selbstgefälliger Zug in den Bewegungen dieses Mannes.

«Wir können alles verlieren – außer unseren Humor.»

Und selbstgefällig erscheinen auch über lange Strecken hinweg die Inhalte seines Auftritts. In seiner Kritik mäandert Hagen Rether zwischen Tiraden gegen Jürgen Rüttgers und Herbert Grönemeyer ebenso wie zwischen den politischen Lagern hin und her, scheinbar wahllos, ziellos und meistens absolut schonungslos und dennoch treffend. Er scheint sich jedes Maßstabes, jedes Rasters zu entziehen.

Erst lange Zeit später an diesem Abend wird Hagen Rether – eigentlich eher in einem Nebensatz – deutlicher und lässt tiefer in sein Inneres blicken. Es ginge ihm nicht um Tagespolitik. Sondern um Grundsätzliches, um die grundlegenden Fehlentwicklungen einer «ängstlichen, amorphen Gesellschaft», und ebenso wie er den Flügel auf der Bühne reinigt, zieht er bis an die Grenzen des Erträglichen Splitter um Splitter aus diesen Wunden, quält das Publikum bis zum Äußersten mit der Selbsterkenntnis. Dass man darüber noch lachen konnte, ist in der Retrospektive eigentlich ein kleines Wunder. Aber auch dieser Sachverhalt fand an diesem Abend seine Erklärung: «Wir können alles verlieren – außer unseren Humor.»

Es ist immer und immer wieder seine Sicht der Dinge, die er an diesem Abend präsentiert, immer wieder Hagen Rether. Dass sich diese Sicht der Dinge seit seiner ersten CD «Liebe 1» vor fünf Jahren kaum geändert hat, spricht für ihn. Doch wie lange er diese Haltung noch aufrechterhalten kann, ist fraglich. Eines Tages wird möglicherweise auch Hagen Rether Erfahrungen machen, die ihn ändern, ihn weiterentwickeln. Was wird dann aus dem kritischen Kabarettisten im hellen Jackett werden? Durch seine bewundernswerte Konstanz bringt er sich selbst in eine Zwangslage. Doch die persönliche Position Hagen Rethers erscheint ganz zuletzt, auf dem Weg nach Hause, eigentlich zweitrangig.

Viele Fragen wirft Hagen Rether an diesem Abend auf, doch die Beantwortung dieser bleibt dem Publikum überlassen. Fragen, die weit über die seiner Karriere hinausgehen, Fragen, die jeden Zuschauer persönlich und individuell betreffen. Die Wundheilung hat erst begonnen, und ob der Patient jemals genesen wird, ist mehr als fraglich. Bis dahin wird Hagen Rether jedenfalls weiter auf deutschen Bühnen stehen und unsere todkranke Gesellschaft kritisieren, zum Beispiel am 4. März 2010 im Zentrum Bayreuth. Wer es ertragen kann, sich zwei Stunden lang selbst in die Augen zu blicken, dem sei ein Besuch dieses Auftrittes unbedingt angeraten. Und für alle, die es nicht können, gilt:
Ach, was reg’ ich mich eigentlich noch auf ...

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Der Kabarettist ist am 4. März 2010 auch im Bayreuther Zentrum zu sehen.
Foto mit freundlicher Genehmigung von Astrid Hennig Promotion.


Hagen Rethers Autogramm: «Alles Liebe nach Beyreuth» .

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Super-Artikel (Schon dumm, wenn man an Jemanden herumnörgeln will und findet aber nix :P)

J + A = Liebe?! Wie passend :o)

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