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Keiner weint um Hexen?

3. Februar 2010 - 22:14

Premieren sind immer ein Anlass für Glanz und Glamour, für Promis und alle die sich dafür halten. Bei einer Derniere, der letzten Vorstellung, ist das jedoch ganz anders: Da heißt es sich nocheinmal Zeit zu nehmen, um zurück zu sehen, das Vergangene Revue passieren zu lassen, um schließlich – nicht ganz ohne Wehmut – endgültig Abschied zu nehmen. Genauso geschehen beim Musical »Wicked – Die Hexen von Oz«, für das am Freitag in Stuttgart der letzte Vorhang fiel.

Text von Philipp Schmieder | Fotos: Stage Entertainment

Wobei, Vorhang ist nicht ganz das passende Wort; der Bühnensichtschutz ist vielmehr eine riesige Karte des Zauberlands Oz. Genau jenem Wunderland, das L. Frank Baum in dem Klassiker »The Wonderful Wizard of Oz« im Jahr 1900 beschrieben hat. In dem die kleine Dorothy mitsamt ihres Hauses von einem Wirbelsturm erfasst wird und die Böse Hexe des Ostens unter ihrem Haus begräbt und anschließend von den Ozianern - für den eigentlich unbeabsichtigten Unfall - als Heldin verehrt wird. Diese Geschichte nimmt Gregory Maguires Roman »Wicked – The Life and Times of The Wicked Witch of the West« von 1995 auf. Das Buch, das 2008 auf Deutsch unter dem Titel »Wicked – Die Hexen von Oz. Die wahre Geschichte der Bösen Hexe des Westens« veröffentlicht wurde, ist die Grundlage für das Broadway-Musical »Wicked« von Stephen Schwartz.

Ein hochintelligentes und zugleich beeindruckendes Spektakel, das einen so schnell nicht mehr los lässt.


Doch bevor die tragische Geschichte der beiden ungleichen Freundinnen Elphaba und Galinda - bevor Wicked nach Oberhausen umzieht - ein letztes Mal in Stuttgart erzählt werden soll, hat sich der Wicked-Fanclub etwas ganz Besonderes ausgedacht: Sie verteilen am Eingang zum Parkett des Palladium-Theaters Knicklichter, mit denen die Besucher gegen Ende, beim Stück »Wie ich bin« ein grün-rosanes Lichtermeer leuchten lassen sollen. Auch Gabi, die eigens aus der Nähe von Augsburg angereist ist, hilft mit beim Verteilen der Stäbe. Sehr sehr oft hat sie Wicked schon gesehen und das nicht nur in Stuttgart, sondern auch in London, wo das Musical im legendären Westend-Viertel gespielt wird – doch die genaue Anzahl will sie lieber für sich behalten. Sie findet es überhaupt nicht ungewöhnlich, Mitglied eines Musical-Fanclubs zu sein, das sei »wie ein Sportverein«, erklärt sie, man träfe sich eben mit Leuten die das Gleiche gerne mögen – in ihrem Fall eben das Musical Wicked. Dass es in Stuttgart nun nicht mehr aufgeführt werden soll, findet sie »erstaunlicherweise nicht so schlimm«, auch wenn es natürlich schade ist. Schließlich gibt ja noch die Londoner Produktion … Für Thomas, der den Fanclub schon vor der Deutschlandpremiere gegründet hat, ist es dagegen nun mit der Fanclub-Leitung vorbei; zu weit sind für ihn die Wege zu den anderen Spielorten. Trotzdem ist die Stimmung gut, denn schließlich werden die Darsteller heute noch einmal Alles für die abschließende Performance geben.
Als es mit einer kleinen Verspätung dunkel im Saal wird und eine Theatermitarbeiterin noch zwei Zuschauer verscheucht hat, die sich ohne Karte in eine der vorderen Parkettreihen geschmuggelt haben, betritt zunächst der Theaterleiter die 15 Meter breite Bühne, die von einem gigantischen 4-Tonnen-Stahlgerüst gerahmt ist und über das ein monströser Drachenkopf aus Metall auf die Zuschauer hinabblickt. Er begrüßt die Theatergäste und erzählt von den bisher 859 Aufführungen vor insgesamt 1,2 Millionen Zuschauern, die stets ohne größere technische Probleme abgelaufen seien. Er sei sehr traurig, sagt er, dass sich die vielen begabten Darsteller nun in alle Winde verstreuen werden, aber natürlich trotzdem stolz auf den großen Erfolg der Stuttgarter Version von Wicked, der selbstverständlich allen Mitarbeitern – vor und hinter der Bühne – zu verdanken sei.
Doch während so manch einem nun schon angesichts dieses Rückblicks zu Beginn eine Träne des Wehmuts in die Augen steigt, beginnt das Musical nun mit dem Stück »Keiner weint um Hexen«, wie alle anderen Stücke begleitet vom Live-Orchester unter der Leitung von Klaus Wilhelm - und die Handlung nimmt ihren Lauf: Elphaba ist mit grüner Haut zur Welt gekommen und wird deshalb von allen gemieden und verachtet; sie kümmert sich um ihre Schwester Nessarose, die an den Rollstuhl gefesselt ist. An der Zauberakademie Glizz lernt Elphaba die verwöhnte Galinda kennen, mit der sie aufgrund eines Missverständnisses ein Zimmer teilen muss. Das Stück erzählt nun wie Elphaba den Zauberer, den sie stets bewundert hat, kennenlernt und erfährt, dass er geplant hat, alle TIERE (In Oz unterscheidet man zwischen »normalen« Tieren und TIEREN, die die Fähigkeit haben zu sprechen) zu vernichten. Sie stellt sich gegen ihn und wird fortan im ganzen Land von der Propaganda des Zauberers als »böse Hexe« diffamiert und gejagt. Galinda dagegen, die sich fortan Glinda nennt, war zu schwach, sich auch gegen den Zauberer zu wenden und wird als Teil des Hofstaats als »gute Glinda« bekannt.
Glinda und Elphaba sind beide in den Prinzen Fiyero verliebt, der erst nachdem er mit Glinda zusammengekommen und diese schon die Hochzeit eingefädelt hat, seine Gefühle für Elphaba entdeckt.
Als Fiyero Glinda verlässt, schlägt sie – wütend auf die Freundin – dem Zauberer vor, Elphaba durch ein Gerücht über den Tod von Nessarose anzulocken. Doch der Zauberer gibt sich damit nicht zufrieden und lässt Nessa tatsächlich töten – sie wird von dem eingangs erwähnten Haus erschlagen. Elphaba schluckt den Köder und soll am Grab ihrer Schwester von der Garde des Zauberers festgenommen werden. Fiyero befreit sie, wird allerdings selbst festgenommen und soll zu Tode gefoltert werden.
Später kommt es noch einmal zu einem Treffen von Glinda und Elphaba, bei dem sich die beiden versöhnen. Elphaba bittet die Freundin, sie nie zu rehabilitieren zu versuchen und inszeniert, wie auch Fiyero, ihren Tod. Gemeinsam fliehen Elphaba und Fiyero aus Oz, wo Glinda den Zauberer abgesetzt hat und nicht weiß, dass ihre beiden Freunde noch am Leben sind.

Viele Dernierengäste haben Wicked schon mehr als einmal gesehen – nicht nur die Fanclub-Mitglieder – und so werden die Darsteller alle mit besonders begeistertem Applaus empfangen. Überhaupt scheinen die Zuschauer allgemein sehr angetan vom Hexenwerk auf der Bühne: Tanja, die zusammen mit ihrer 6-jährigen Tochter das Musical besucht, erzählt, dass sie sich von der letzten Vorstellung eine besondere Stimmung erwartet. Die neunzehnjährige Fanny, die zuvor schon drei verschiedene Wicked-Produktionen besucht hat, freut sich über die gelungene Aufführung. Euphorisch erzählt sie von den vielen kleinen Späße, die sich die Schauspieler während der Aufführung erlaubt hatten.
Eine Begeisterung, die durchaus verständlich ist: Wicked ist ein außergewöhnliches Musical, das in vielerlei Hinsicht zu überzeugen weiß. Neben der großartig orchestrierten Musik, die mit ihrer starken Themenlastigkeit an Film Scores erinnert und mit vielfältigen Gesangspartien – Soli, Duette und Chorpassagen, mal arienhaft, mal mit Chartbreakerpotential oder nachdenklich – brilliert, hat der Veranstalter, Stage Entertainment, ein internationales und hochkarätiges Ensemble gecastet: In den Hauptrollen spielen die Niederländerin Willemijn Verkaik (Elphaba), die in ihrem Heimatland bereits in Bands und etlichen Musicals (z. B. »Elisabeth«) gesungen hat und Lucy Scherer (Glinda), die schon bei »Tanz der Vampire« Musical-Erfahrung gesammelt hat. Unterstützt werden sie von weiteren erfahrenen Musical-Darstellern; der Schwede Mathias Edenborn (Fiyero) stand schon bei der Produktion von Gérard Presgurvics »Roméo et Juliette« in Wien auf der Bühne, wo auch die Salzburgerin Nicole Radeschnig (Nessarose) etliche Auftritte hatte.

Nein, ganz ohne Tränen lässt man die Hexen nicht gehen.


Doch auch über den künstlerischen Aspekt hinaus überzeugt das Musical. Basierend auf einem sehr nachdenklichen und gesellschaftskritischen Buch ist auch das Musical voll von moralischen Fragen, die zwar nicht unbedingt versteckt, jedoch auch nicht wie in einem Brecht'schen Lehrstück breitgetreten werden. Das Stück thematisiert Problematiken wie Ausgrenzung, politische Propaganda und Masseneuphorisierung sehr gekonnt und so, dass es den Zuschauer - reale Beispiele für Rassenhass, Hexenjagden und die Beeinflussung von Volksmassen im Kopf - beim Treiben auf der Bühne schaudern lässt. Kombiniert mit einer klassischen Liebesgeschichte und entsprechend vielen Emotionen ist Wicked ein hochintelligentes und zugleich beeindruckendes Spektakel, das einen so schnell nicht mehr los lässt. Spätestens wenn Elphaba in »Frei und Schwerelos« nach einem grandiosen Crescendo an die Ozianer gewandt singt: »Und niemand hier im Land von Oz/Und wär' sein Zauber noch so groß/Erreicht mich oder fängt mich ein«, kann man sich der Magie der Hexen von Oz nicht mehr entziehen.
Und als »Wicked – die Hexen von Oz« schließlich mit einer Reprise des Eingangsstücks und einem abschließenden »Keiner weint um Hexen«, das durch Mark und Bein geht, endet, quittiert das Publikum den letzten Vorhang mit minutenlangen, verdienten, Standing Ovations. Der Fanclub verteilt, sichtbar gerührt, an alle Darsteller und Mitarbeiter des Musicals Blumensträuße, bis sich die Zuschauer, nachdem Elphaba und Glinda noch ein allerletztes Mal vor die große Oz-Karte getreten sind, sich schweren Herzens von den vertraut gewordenen Akteuren trennen und sich auf den Weg aus dem Theater begeben, bis sie schließlich in der Dunkelheit verschwinden.
Nein, ganz ohne Tränen lässt man die Hexen nicht gehen.

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Der Chor trat je nach Szene mit immer neuen eigens dafür gefertigten Kostümen auf.


Willemijn Verkaik und Lucy Scherer als Elphaba bzw. Glinda am Grab von Nessarose


Zum Schluss schwenkten die Zuschauer Leuchtstäbe, die der Fanclub am Eingang verteilt hatte ...


... und das Publikum wollte die Darsteller gar nicht mehr gehen lassen.

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Na hat wohl wirklich Spaß gemacht? (Hätte ich dir gar nicht zugetraut, dass du auf Hexen stehst XP)

Aber wie kommst du drauf, dass du die Hexen gehen lassen musst? (Sollte ich das etwa persönlich nehmen?)

... frei und schwerelos ... nettes Lied ... du hast Recht, die deutsche Fassung klingt besser ;-)

... war das die letzte Vorstellung von Wicked in Stuttgart und sowohl bei den Darstellern (noch während des Stücks) als auch beim Fanclub ist das nunmal nicht ohne feuchte Augen vonstatten gegangen ;)

klasse artikel

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