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Sprechen Sie Deutsch!

18. März 2009 - 20:48

Die deutsche Rechtschreibung. Was hat sie nicht schon alles zu leiden gehabt. Oder sollte es heißen: Was haben wir nicht alles darunter zu leiden gehabt? Es gab einmal eine schöne Zeit, in der jeder geschrieben hat, was er gehört hat. Naja, eigentlich nicht jeder - die wenigsten konnten schreiben und noch weniger haben etwas auf Deutsch geschrieben, was uns dann auch noch erhalten geblieben ist.

Text von Karl Oßwald

Schon damals hatte man Probleme, all die Laute, die im Althochdeutschen, nicht aber im Lateinischen vorkommen, darzustellen. Der gotische Bischof Wulfila hat es sich da leichter gemacht und im 4. Jahrhundert eine eigene Schrift für die Goten entwickelt, inspiriert von der griechischen und lateinischen Schrift, nicht zuletzt aber auch von den germanischen Runen. Das Verändern der Schrift hatte schon damals eine lange Tradition: Die Griechen passten das Alphabet der Phönizier ihren Bedürfnissen an, die Etrusker wiederum veränderten diese Schrift nochmals und schließlich kamen die Römer und bastelten sich aus dem griechischen und dem etruskischen Alphabet ihr eigenes. Nicht, dass phönizische Alphabet einfach so vom Himmel fiel: Auch vor diesem steht eine lange Entwicklung, aber das würde den Rahmen dieses Artikels eindeutig sprengen. Die bereits erwähnten Runen dürften wohl eine ähnliche Entwicklung durchlaufen haben, die sich an die Entwicklung der lateinischen Schrift anschließt, aber ihre Geschichte liegt weitgehend im Dunkeln. Im 7. bis 9. Jahrhundert passte man das Runenalphabet der sich verändernden altnordischen Sprache sowie in England dem aktuellen Stand des Angelsächsischen an. Ins 9. Jahrhundert fällt auch noch Kyrills Entwicklung der glagolitischen Schrift, aus der sich etwa hundert Jahre später die kyrillische Schrift entwickelte. Aber dann war die Zeit der Schriftentwicklung in Europa vorbei: Seitdem müssen wir mit dem leben, was wir haben.

Also ist meine Konsequenz: Eine richtige Reform.


Nun, zurück zum Althochdeutschen. Wir haben jetzt also eine Schrift und eine Sprache, aber beides will nicht so recht zusammenpassen. Man arrangiert sich aber, und groß ist der Bedarf an einer deutschen Schriftsprache sowieso nicht. Erst in der Stauferzeit entsteht deutsche Literatur im Umfeld des Adels. Die Minnelieder sind uns noch heute ein Begriff, und jeder hat schon einmal vom Nibelungenlied, Tristan und Isolde oder dem Parzival gehört (Zugegeben, das mag in anderen Städten unserer Republik anders aussehen). Jedenfalls entwickelten sich hier lockere Rechtschreibkonventionen, aber wirklich standardisiert ist die damalige Schriftsprache noch nicht. Im Wesentlichen gilt immer noch: Schreib, wie du sprichst. Im 14. Jahrhundert endet die mittelhochdeutsche Phase schon wieder und macht Platz für das Neuhochdeutsche. Nach und nach finden die Veränderungen statt, die unsere Sprache vom Mittelhochdeutschen abgrenzen. Und in dieselbe Zeit fällt die Entwicklung unserer Schriftsprache. Bekannt ist da vor allem die Lutherbibel: Verständlich, aber etwas komisch zu lesen. Wie ich schon schrieb, die Veränderungen fanden langsam statt. Schade nur, dass sie damals noch nicht abgeschlossen waren. So kommt es z. B., dass wir zwar «sein» Schreiben, aber das «ei» als «ai» sprechen und nicht etwa einen Diphthong wie im Englischen »(to) say”. Zahlreiche andere Kuriositäten, die den heutigen Schülern das Leben schwer machen, gehen ebenfalls auf diese Zeit zurück. Aber wenn erst mal eine Schriftsprache entstanden ist, wird sie im allgemeinen kaum noch verändert, wenn es nicht unbedingt notwendig ist, weil sich die gesprochene Sprache all zu weit von der Schrift entfernt hat. Diese Veränderungen sind aber meist nur klein: statt «auff» schreibt man mittlerweile «auf», weil das «f» nicht mehr lange gesprochen wird; aber mit «das» und «dass» muss sich der Schüler immer noch herumplagen, obwohl der Unterschied nur orthographischer und schon lange nicht mehr phonetischer Natur ist. Und da sich eine Schriftsprache nur ungern verändert, kommt es zu seltsamen Phänomenen wie der englischen oder französischen Orthographie, die mit der Aussprache oft nur noch lose zusammenhängen. Um so neuer eine Schriftsprache hingegen ist, desto weniger unterscheidet sie sich von der gesprochenen Sprache - vor allem, wenn die sich nur langsam verändert. Natürlich gibt es noch eine Möglichkeit: die Schriftsprache der gesprochen Sprache anpassen. Einige europäische Länder haben das immer wieder mit Erfolg getan. Die niederländische Rechtschreibung beispielsweise wird alle zehn Jahre von der «Taalunie» aktualisiert. So repräsentiert im Allgemeinen genau ein Phonem genau ein Graphem, d. h. ein Buchstabe oder eine Buchstabenkombination einen Laut. Auch wenn z. B. «ij» nicht etwa als «i» mit direkt angeschlossenem «j» oder als langes «i» gesprochen wird, sondern als «ai», ist das meiner Meinung nach eine recht gute Regelung.

Eine Reform, die die deutsche Schriftsprache endlich mal wieder phonetisch macht.

Im Deutschen gab es gelegentlich auch Versuche, die Schriftsprache ein wenig zu verbessern. 1901 wurde die Schreibweise festgelegt, die noch immer als «alte Rechtschreibung» in unseren Köpfen herumspukt und die der ein oder andere unserer Kollegstufler noch in der Grundschule gelernt hat. Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts erkannte man die Notwendigkeit einer Reform, es fand aber keine statt. Wenig bekannt ist, dass 1944 eine Rechtschreibreform durchgeführt wurde, die sich bis Kriegsende aber nicht durchsetzte und danach auch nicht weiterverfolgt wurde. Im Wesentlichen ging es dabei um die Eindeutschung von Fremdwörtern. Ähnliches findet sich in vielen anderen Sprachen und ist seit der Rechtschreibreform von 1996 weitgehend möglich. Genau diese war dann die nächste größere Reform. Sie vereinfachte Manches, machte Manches komplizierter und war (ist) sehr umstritten. Sie wurde noch mehrmals überarbeitet (zuletzt 2006) und hat sich mittlerweile durchgesetzt. Wirklich brechen tut sie mit den überkommenen Traditionen des Frühneuhochdeutschen aber nicht. Deshalb macht sie meiner Meinung nach die ohnehin schon komplizierte Lage noch komplizierter. Also ist meine Konsequenz: Eine richtige Reform. Nicht eine, die an der Oberfläche kratzt und eigentlich nur hilflos auf die wahren Probleme hindeutet. Nein, eine Reform, die die deutsche Schriftsprache endlich mal wieder phonetisch macht. Die das gute aus der aktuellen Rechtschreibung - Großschreibung, Satzzeichen usw. - übernimmt, aber das schlechte, die mehrfache Belegung einiger Konsonantenkombinationen wie «st» und «ch», die undurchschaubaren Konventionen der Doppelkonsonanten, die sinnlosen Dehnungs-Hs und natürlich die absurden Diphthongschreibweisen sowie das uralte Problem, dass man den «ng»-Laut nicht richtig darstellen kann, endlich abschafft. Und nun ratet mal, was nächste Woche bei dein.gs vorgestellt wird.

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Die Grundlage für die deutsche Rechtschreibung ist schon ein ganzes Stück älter als diese Schreibmaschine ...


... aber mindestens genauso verrostet.
Fotos: cc by-nc-sa von Zen Sutherland

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