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Operation Ferienjob

7. Oktober 2009 - 12:01

Kinderarbeit ist vollkommen zu Recht verboten, doch würden sich viele Jugendliche in den Ferien gerne ein wenig Extrataschengeld verdienen. Unsere Autorin hat sich durch den Paragraphenwirrwar gekämpft und musste schließlich aufgeben. Ein Plädoyer für Kinderarbeit.

Text von Cynthia Spangenberg

Es ist ein heißer Tag heute, Anfang August, aber in dem Fahrradladen ist es angenehm kühl. Ich schlendere ein bisschen umher, eigentlich nur so aus Spaß. Doch dann bin ich mit einem Schlag hin und weg. Da steht es: groß, neu, bestechende tiefrote Farbe, wahnsinnige Mechanik. Kein Vergleich zu dem altersschwachen Second-Hand-Modell, auf dem ich gerade quietschend und klappernd in die Stadt gefahren bin.
Ich rufe meine Mutter an, aber sie scheint verständnislos. «Schön!», denke ich in einem Anflug von Trotz und klappe mein Handy so energisch zusammen, dass es kracht, «wenn sie es mir nicht kauft, dann kaufe ich es mir eben selbst». Meine Ersparnisse reichen dafür zwar nicht aus, aber warum nicht mal was dazuverdienen?

Juristendeutsch ist im Grunde genommen schlimmer als das Schlimmste, das ich je von meinem schlimmsten Lehrer gehört habe.


So schwierig kann das doch nicht sein, denke ich mir, kaum wieder zu Hause angekommen, fahre meinen Computer hoch und fange an zu googlen. «Ferienjobs für 14-Jährige», gebe ich ein, scrolle ein bisschen herunter und da: «Was ist ein guter Job für eine 14-Jährige?», Titelthema in irgendeinem Forum, ja, ist doch eine gute Frage.
Ich klicke es an. Viel steht da nicht, aber ich lese mir die magere Ausbeute trotzdem durch. «Supermarkt» ist das dominierende Wort, oder auch «Zeitungen austragen» und so nebenbei wird noch «Babysitten» erwähnt. Ich runzle erst mal die Stirn, nach Traumjob hört sich das nicht an. Aber einer der Einträge bringt mich auf eine Idee.
«Jugendarbeitsschutzgesetz» ist das nächste Stichwort. Ich verlasse die Seite, tippe ein bisschen und da linkt mich Google auf eine ganz informative Website, das komplette JArbSchG inklusive.
Also dann, Inhaltsverzeichnis. Ich klicke auf Abschnitt drei, «Beschäftigung Jugendlicher». Bald merke ich, dass das ein Fehler war, denn ich finde keine rechte Hilfe in dem Paragraphenwirrwarr. Da steht was von 40-Stunden-Woche und Berufsschule.
Also wieder zurück. Und tatsächlich, Paragraph zwei klärt mich auf: Im Sinne des Jugendarbeitschutzgesetzes bin ich erst ab fünfzehn jugendlich. Das nächste halbe Jahr muss ich wohl noch als Kind leben, wie ich - ein bisschen beleidigt - feststelle. (Später fällt mir dann noch auf, dass ich nicht nur fünfzehn sein muss, sondern auch noch die neunte Klasse beendet haben muss, damit ich nicht mehr schulpflichtig bin. «Bravo», denke ich, «bravo, also ein ganzes Jahr warten».)
Aber von mir aus, dann eben Abschnitt zwei, «Beschäftigung von Kindern». Hat wenigstens nur drei Paragraphen, eben für Kinder, damit sie den Überblick nicht verlieren. Ha, ha.
Zugegeben, das mit dem Überblick ist auch so eine Sache. Juristendeutsch ist im Grunde genommen schlimmer als das Schlimmste, das ich je von meinem schlimmsten Lehrer gehört habe. Vielleicht sollte ich ihn mehr schätzen.
Konzentration. Die Hauptaussage ist anscheinend erstmal: Kinderarbeit ist verboten. Und danach jede Menge Ausnahmen. Laut Absatz zwei gilt Absatz eins dann nicht, wenn ich «Arbeitstherapie» oder ein «Betriebspraktikum während der Vollzeitschulpflicht» machen will oder wenn ich eine «richterliche Weisung» erfüllen muss. Aha. Am besten werde ich also therapiebedürftig, denke über ein Praktikum nach oder werde kriminell. Allerdings verdient man bei den drei Möglichkeiten nicht so richtig; das sollte ich besser lassen.
Ich lese weiter. Langsam scheint es interessanter zu werden, denn die nächste Ausnahme gilt für Kinder über dreizehn (Bedingung eins erfüllt). Die brauchen bloß noch ein Einverständnis eines Erziehungsberechtigten (dürfte sich machen lassen) und dürfen dann eine «leichte Beschäftigung» (na ja, eine schwere will ich sowieso nicht) ausführen.
Aber was bitte ist leicht? Noch mal drei Punkte, langsam fängt es an zu nerven. Ah, ich sehe, folgende Dinge an mir dürfen nicht «nachteilig beeinflusst» werden: Erstens mein allgemeines Wohlbefinden, zweitens meine Bildungsbetätigung, drittens meine «Fähigkeit, dem Unterricht mit Nutzen zu folgen. Aha. Und wie beurteile ich jetzt, was mir dabei schadet und was nicht?
OK, tief durchatmen und weiter lesen, vielleicht kommen die Details ja noch. Tatsächlich, ich darf nicht mehr als zwei Stunden täglich arbeiten, lese ich, und nur zu bestimmten Zeiten. Gut, gut, damit kann ich leben (bzw. arbeiten). Aber ich will doch wissen, was ich arbeiten kann!
Allerdings helfen mir auch die nächsten Abschnitte nicht weiter, die Geschichte geht nur immer so weiter, anscheinend soll ich bei den Paragraphen 15 bis 31 nachschauen, wie mir schließlich auffällt.
Langsam fühle ich mich strapaziert, aber ich wage den Versuch. Aber wirklich nur diesen einen Versuch. Erstens verstehe ich den Zusammenhang nicht ganz (liegt wohl daran, dass ich noch nicht jugendlich bin, komisch, komisch), zweitens kann ich mir meinen Job an den Hut stecken, wenn ich das alles durchlese, weil es mich womöglich noch den Rest meiner Ferien kosten würde.
Also, Misserfolg. Nochmal Google. Probiere es genervt mit «was darf man mit 14 arbeiten». Öffne nochmal das Forum von vorhin, dabei verabschiedet sich mein Internet. Ich atme wieder so tief durch wie möglich. Nicht aufregen, nicht den Computer beschimpfen.
Ich probiere es noch mal, stoße sogar auf eine ganz interessante Sache. Ich soll mir Stellenangebote für Schüler durchlesen. Aus der Zeitung.
Ich suche online. Und suche und suche und suche. Nach eine Weile habe ich mir die Alternativen zusammengestellt (zumindest alle, die mir begegnet sind): Nachhilfe. Babysitten. Zeitungen austragen (oder auch Flyer verteilen). Hunde ausführen. Vielleicht noch ein paar Kleinigkeiten für den Nachbarn erledigen.
Berauschende Auswahl, wirklich, ganz tolle Jobs. Das ist jetzt also das, was man Kindern zumuten kann, aber was, frage ich mich, sind da eigentlich die Gemeinsamkeiten. Es ist alles nicht besonders anspruchsvoll, es sei denn, man kann nicht mit kleinen Kindern umgehen, dann wäre Babysitten eine härtere Angelegenheit.
Es ist auch alles kein bisschen spannend.

Das Jugendschutzgesetz sollte solche Dinge auch nicht erlauben, sonst macht es sich am Ende selbst überflüssig.


Aber ob es einen nicht «nachteilig beeinflusst»? Zum Beispiel Babysitten... Machen wir doch mal ein kleines Gedankenexperiment: Meine Nachbarn wollen ausgehen, sie haben nur einen kleinen Sohn, auf den soll ich aufpassen. Sie versprechen zwar, nicht gar so spät zurückzukommen, von den Zeiten her komme ich also keinen Schutzgesetzen in die Quere. Allerdings beschäftigt sich der Junge am liebsten mit sich selbst und ich habe die Gelegenheit, mich in aller Ruhe in der Wohnung umzusehen.
Im Wohnzimmer steht ein Computer, nicht passwortgeschützt. Ich könnte ihn hochfahren. Im Internet surfen. Ich weiß, dass meine Nachbarn sich nicht gut genug damit auskennen, um meine Spuren zu entdecken. Ich könnte machen, was ich will. Ich könnte mir Gewaltvideos anschauen. Hardcore-Pornos. Oh nein!
Natürlich könnte ich auch - ungefährlicher - den Fernseher einschalten, mich aufs Sofa fläzen und ein paar Tüten Chips vertilgen. Ich könnte ein paar Schlückchen aus der Cognac-Flasche nehmen, die oben auf dem Küchenschrank steht. Meinem Nachbarn eine Zigarette entwenden und sie auf dem Balkon rauchen.
So oder so. Zu Hause könnte ich das nicht. Das Jugendschutzgesetz sollte solche Dinge auch nicht erlauben, sonst macht es sich am Ende selbst überflüssig.
Stattdessen versucht es mich vor viel nützlicheren Dingen zu schützen, die ich auch wirklich gerne machen würde, wie ich am Abend desselben Tages herausfinde. Weil der Kram, den ich im Netz gefunden habe, nicht wirklich Begeisterung auslöst bei mir, rücke ich doch wieder ein bisschen von meinem «alles auf eigene Faust» ab und frage meine Mutter.
Die hat auch gleich eine gute Idee: Sie ist Journalistin und schreibt manchmal auch nebenberuflich, das heißt, nicht nur manchmal, eben jetzt gerade. Sie arbeitet da an einem Buch, Thema: Deutsche Politik nach dem zweiten Weltkrieg. Hört sich für manche vielleicht etwas trocken an, ist aber wirklich spannend, so wie sie das macht. Und Politik geht ja auch wirklich jeden etwas an, zumindest sollte Politik jeden etwas angehen.
Und meine Mutter steckt noch mitten in der Recherchephase, kümmert sich um Interviews, liest jede Menge, braucht aber noch einen ganzen Haufen Daten und Statistiken. Um die soll ich mich jetzt kümmern, ein cooler Job, finde ich, ich kann es mir zu Hause vorm PC bequem machen, ein bisschen suchen und wie gesagt, man erfährt da teilweise echt interessante Sachen. Ich bin demnach hochzufrieden, meine Mutter verspricht mir einen Teil ihres Honorars, der für mein Rad hundertprozentig reicht.
Nur sicherheitshalber fragt sie noch mal bei ihrem Verlag nach und der macht sie auf ein kleines Problemchen aufmerksam: Recherchieren ist Kinderarbeit der verwerflichen Art!
Zu früh gefreut, denke ich, zu früh gefreut.

Verdammt brav, verdammt dumm, verdammt langweilig.


Vielleicht sind die Politiker ja der Ansicht, dass «Kinder» (nicht vergessen, mit 13 ist man ja ein Kind) nicht zu anspruchsvolle Sachen machen dürfen. Ihr Verständnis für unsere Welt könnte sich ja verbessern. Ihre Horizont könnte sich erweitern, gar weiter werden als der ihrer Lehrer. Sie könnten einen Eindruck von spannender Arbeit bekommen.
Also dürfen sie nur irgendwelche langweiligen Sachen machen (Pardon: natürlich nicht irgendwelche: ganz bestimmte langweilige Sachen).
Was ich gerne loswerden will: Es gibt unendlich viele Arten zu arbeiten. Wie schön wäre es, wenn es Richtlinien gäbe, damit eine beliebige (!) Art nicht zu anstrengend für jüngere Menschen wird. Im Moment können jüngere Menschen aber nur ganz bestimmte Arten machen, die angeblich zumutbar sind.
Und so bleibe ich dann doch beim Zeitungsaustragen hängen. Verdammt brav, verdammt dumm, verdammt langweilig.

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Es ist gut und richtig, dass Kinderarbeit international geächtet wird ...
Foto: cc by-nc-sa 2.0 von conc.ccoo.cat


... aber etwas mehr Möglichkeiten zur Ferienarbeit für Jugendliche fände unsere Autorin durchaus wünschenswert.
Foto: cc by-nc-sa 2.0 von Shashish/flickr.com

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Hier ein interessanter Link zum Thema: http://www.masfg.rlp.de/Funktionsnavigation/Ferienjob.htm#B

Ab 13 Jahren darfst täglich 2 Stunden du beispielsweise für Senioren oder Nachbarn einkaufen gehen, für Apotheken etc. Botengänge erledigen oder Tiere betreuen und versorgen (Pferde?) das macht doch sicherlich auch noch Spaß :o) Nicht gleich die Flinte ins Korn werfen ...

Außerdem hat der Paragraphenwirrwarr schließlich auch Vorteile ... Oder möchtest du vor der Schule und gleich danach bei anderen Leuten im Haushalt, Betrieb oder der Landwirtschaft arbeiten, um deinen eigenen Lebensunterhalt bestreiten und dein Schulgeld bezahlen zu können? Dieses Jugendarbeitsschutzgesetz ist - wie der Name schon sagt - zu deinem Schutz erlassen worden ;o)

Ja, Kinderarbeit, das ist so eine Sache. Vor etlichen Jahren kam die Kirche mal auf die Idee, sie könne mir dafür, dass ich dort in Gottesdiensten spiele nichts zahlen, schließlich sei das ja sonst Kinderarbeit. Aber kostenlos könnte ich schon spielen ...
Gut, dass sie sich das dann anders überlegt haben ;)

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