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De Libris: Als ich ein Kunstwerk war

10. Mai 2009 - 20:04

Gunter von Hagens' Körperwelten verursachten bei ihrer Eröffnung einen großen Wirbel, da bei dieser «Anatomieschau» Menschen (wenn auch unter dem Deckmantel der Wissenschaft) zu reinen Kunstobjekten degradiert werden. Nun sind diese Menschen allerdings tot und können sich wohl kaum mehr Gedanken über ihren Körper machen. Doch was wäre, würde man einen lebendigen jungen Mann zum Kunstwerk machen, ihn in ein Objekt umwandeln würde?

Text von Philipp Schmieder

«Als ich ein Kunstwerk war» vom französischen Erfolgsautoren Eric-Emmanuel Schmitt, aus dem Französischen übertragen von Inés Koebel, beginnt mit einer schrecklichen Erkenntnis: Tazio Firelli, dessen Brüder zwei geradezu unheimlich erfolgreiche Models sind, konstatiert, dass er nicht nur sein Leben verpfuscht hat, sondern auch seine bisherigen Selbstmordversuche. Getrieben von der eigenen Mittelmäßigkeit, dem Neid auf seine Brüder und dem Gefühl, nicht verstanden zu werden, beschließt er, diesmal alles richtig zu machen, als er sich an der Steilküste von Palomba Sol zum Sprung bereit macht.

Ich hab sie immer verpfuscht, meine Selbstmorde. Genaugenommen hab ich immer alles verpfuscht: Mein Leben wie meine Selbstmorde


Doch auch dieser Selbstmord soll nicht gelingen - der renommierte Künstler Zeus-Peter Lama unterbreitet Tazio ein verlockendes Angebot, denn er will ihm eine neue Existenz, eine neue Geburt ermöglichen. Allerdings nicht als Mensch, sondern als Kunstwerk. Tazio begleitet ihn, zunächst noch unsicher, auf dessen Landsitz und stimmt Zeus-Peter schließlich zu; er unterschreibt, dass er von nun an kein Mensch mehr sein will, sondern ein Kunstwerk. Tazio wird in einen tiefen Schlaf versetzt und seine Eltern bestätigen beim Anblick des vermeintlich Toten, dass es sich bei der Fake-Leiche um ihren Sohn handelt. Nachdem Tazio seiner eigenen Beerdigung beigewohnt hat, legt er diesen seinen Namen für immer ab. Zeus-Peter operiert den nunmehr Namenlosen zusammen mit dem korrupten, da durch die Spielsucht hochverschuldeten, Pathologen Doktor Fichet. Die sich über mehrere Wochen hinziehenden schmerzhaften Veränderungen verändern sein komplettes Erscheinungsbild und lassen ihn schlussendlich nicht mehr wie einen Menschen aussehen; nur die steinblauen Augen bleiben unangetastet.
Schließlich wird Ehemals-Tazio der Öffentlichkeit präsentiert. Sein Name: Adam Zwei.
Nun beginnt für Adam ein anstrengendes Leben als Ausstellungsobjekt. Er geht auf internationale Tournee, wo er in Museen ausgestellt und von ungezählten Schaulustigen begafft wird. Als er langsam Zweifel an seiner neuen Existenz und der Tatsache, dass er kein Mensch mehr sein soll, bekommt, lernt er Fiona, die Tochter eines blinden Malers, kennen. Die beiden verlieben sich und Adam möchte nun endgültig sein Menschsein zurück. Doch dann lanciert Zeus-Peter einen vorgetäuschten Raub, um den Preis für Adam in die Höhe zu treiben und verkauft ihn schließlich für 30 Millionen an einen greisen Milliardär. Fiona und ihr Vater setzen nun alles daran, Adam aus seiner Sklaverei zu befreien und ihn aus seiner misslichen Lage zu befreien.

Zum Autor

Eric-Emmanuel Schmitt wurde 1960 in Sainte-Foy-lès-Lyon bei Lyon als Sohn elsässischer Eltern geboren schreibt seit Anfang der 1990er sowohl für Romane als auch Theater, Film und Fernsehen. Beginn der 90er Jahre arbeitet er als Romancier, Dramatiker und Autor für Theater, Film und Fernsehen.
Eines seiner bekanntesten Werke iset «Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran», das 2004 den Deutschen Bücherpreis erhielt und außerdem ein Jahr zuvor verfilmt wurde. Heute lebt Schmitt in Brüssel.

Fazit

Das im Original als «Lorsque j'étais une œuvre d'art» erschienene Buch behandelt ein überaus brisantes Thema, denn die Frage «Wie weit darf Kunst gehen?» muss heute, gerade im Anblick von Ausstellungen wie den Körperwelten immer wieder gestellt werden. Das allein reicht freilich nicht, um ein gutes Buch auszumachen. Doch Autor Schmitt und Übersetzerin Koebel verstehen es, in dem aus der Ich-Perspektive erzählten Buch, immer den richtigen Ton und die richtigen Worte zu finden. All das ist eingebettet in einer packenden Story, die zu schockieren weiß. Doch «Als ich ein Kunstwerk war» schockiert dabei nicht mit der Holzhammermethode, wie es von Hagen zu tun pflegt, sondern gerade durch das Gedankenexperiment, wie es wäre, wenn man einem Menschen jegliche Menschenwürde absprechen und ihn zum rechtlosen Ausstellungsobjekt degradieren würde.
Nicht zuletzt deshalb ist «Als ich ein Kunstwerk war» ein überaus lesenswertes und empfehlenswertes Buch für Leser, die nicht immer nur kitschige Vampirgeschichtlein oder fröhliche vom-Tellerwäscher-zum-Drachenreiter-Romane lesen wollen.

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Eric-Emmanuel Schmitt: Als ich ein Kunstwerk war, Amman Verlag, ISBN 3250601292, 240 Seiten, 19,95€

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Jedes Buch hat seine Daseinsberechtigung, so auch Vampir-, Drachen- oder Liebesgeschichten, wo ist nur deine Toleranz geblieben?

Dein Gedankenexperiment ist doch schon lange Realität geworden, fast schon Alltag, wach doch auf! "Deutschland sucht den Superstar, Supertalent ..." oder "German next Topmodel" fordern schon länger die ersten Opfer. Was hat es mit Würde zu tun, wenn sich Bewerber um den Titel den Kopf kahl scheren lassen, weils besser zur Werbekampagne des Kunden passt (nur ein kleines Beispiel) oder wenn man von der Jury - allen voran natürlich Herr Bohlen - verbal niedergemacht wird und das vor Millionen von Zuschauern. Und kaum haben diese unglückseeligen Menschen dann den begehrten Titel erreicht, werden sie fallengelassen und stürzen augenblicklich von ganz oben nach ganz unten. Vom "Big Brother-Container" oder dem Dschungelcamp und seinen verkommenen Insassen will ich gar nicht reden ...

Wenn ein Mensch seinen toten Körper an Herrn Hagen vererbt, mag er wohl auf eine recht eigentümliche Weise weiterleben (sein freier Wille), aber wer dem Jury- und Zuschauer-Mob dient, verkauft seine Seele ... Aber was solls, morgen kennt die eh keiner mehr ...

Als ich die Rezension bzw. die Inhaltsangabe des Buches gelesen hatte, dachte ich ähnlich wie ihr. Doch heute, nachdem ich das Buch selbst gelesen habe, denke ich anders.

Tazio kann man stellvertretend für sehr viele Kinder, Jugendliche oder auch Erwachsene im richtigen Leben sehen, ja auch für DICH ;o). Warum? Nun, wer von uns hatte noch keine Zweifel, sei es wegen seines Gewichts, seiner Haarfarbe, seiner Pickel, seiner Hautfarbe, seiner schulischen Leistungen und, und und ... Und dachte, dass er deshalb nicht von Mitschülern, Verwandten, Kollegen usw. akzeptiert werden wird? Jeder von uns, hat das doch schon einmal erlebt bzw. durchlebt. Und Tazio? Er hat nur auf seine Brüder gesehen, die erfolgreich waren, so lange sie gut aussahen (wie typisch für unsere Gesellschaft des Blendaxlächelns und der Oberflächlichkeiten) ... Tazio hat, wie so viele von euch, nicht verstanden, dass JEDER Mensch Fähigkeiten hat, die ihn ALLEINE als etwas ganz besonderes ausweisen. Man muss nur den Mut haben, sie zu finden und sie zu benutzen. Und bitte nicht ständig Vergleiche mit dem Rest der Welt anstellen, denn keiner ist wie der andere. Jeder von uns ist ein Individuum und das ist gut so :o)

Wir unterliegen leider einem Ranking in Sachen Leistung (Noten, Arbeitsgüte, etc.), aber wir selbst entscheiden, ob und was aus uns wird. Und kein anderer Mensch, sei es Eltern oder Freunde können einem wichtige Entscheidungen abnehmen; im Höchstfall können sie sachte etwas in die vermeitlich richtige Richtung stupsen. Vielleicht oder ganz bestimmt endet so mancher Weg in einer Sackgasse, ein anderer führt ganz gewiss in Umwegen aber auch der ein oder andere direkt zum Ziel. Nur gehen muss man ihn ganz alleine ...

Mein Fazit: Ein wirklich gutes Buch in vielerlei Hinsicht, ihr solltet es unbedingt einmal gelesen haben.

(Aber was bitte ist ein Sonomegaphon?)

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