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De Libris: Die gestohlene Demokratie

16. Dezember 2009 - 0:06

«Die deutsche Demokratie ist kurz vor dem Erfrieren.» Die erschreckend präzise Beschreibung fasst den aktuellen politischen Zustand in wenigen Worten zusammen. Gabor Steingart redet nicht lange um die Missstände herum, sondern formuliert sie in aller Deutlichkeit. Anders als viele seiner Kollegen nutzt der Autor das sechzigjährige Jubiläum der Bundesrepublik nicht, um Deutschland und seine Politiker zu feiern, sondern rechnet stattdessen mit beeindruckend kühler Präzision ab und schreckt dabei auch vor keinem Kaliber zurück.

Text von Stefan Meyer

Umfragen bestätigen, was wir insgeheim schon lange ahnen: Das Interesse der Bevölkerung an der deutschen Politikbühne schrumpft auf ein Rekordtief. Eine passende Erklärung wird dabei gleich mitgeliefert, die neue Generation mit ihrer allgemeinen Unwissenheit ist demnach der Hauptschuldige. Der Kern dieser Behauptung mag sicherlich zutreffend sein, doch Deutschlands politische Elite macht es sich damit zu leicht. Tatsächlich kann von einem absoluten Desinteresse wohl kaum die Rede sein, wenn 200.000 begeisterte Menschen in Berlin den Worten Barack Obamas lauschen wollen. Grundsätzliches Interesse ist also da, es besteht viel mehr ein Desinteresse an den führenden Figuren der deutschen Politikszene. Und daran sind die Repräsentanten des Volkes selbst schuld, befindet der Autor, während er Merkel als verschleierte Kanzlerin ohne klare Linie und Steinmeier als erstklassigen zweiten Mann tituliert. Zudem wagt er sogar das oft als Meisterstück deutscher Politik angesehene Grundgesetz mit in die Schuldfrage hineinzuziehen. Auch das Wahlvolk selbst entgeht der Schelte natürlich nicht und wird treffend analysiert und kategorisiert.
Doch Steingart gibt nicht den altklugen Kritiker, der zwar alles anzuprangern weiß, selbst aber keine Lösung präsentieren kann. Stattdessen bietet er handfeste Auswege an, und schafft dabei sogar noch ein kleines Meisterstück, indem er sich für das Reizthema Nichtwählen ausspricht. Obwohl der Autor seine Entscheidung dazu auf 33 Seiten ausführlich erklärt und begründet, so merkt der Leser doch instinktiv, das dieser Weg nicht der Richtige sein kann. Steingart ist sich darüber natürlich im Klaren, schafft aber dadurch, was sich alle wünschen: Dass das Volk wieder den ernsthaften Dialog zu der Demokratie findet und mit großem Eifer den Reformer gibt.

Der Autor

Gabor Steingart ist also Sohn eines ungarischen Einwanderers und einer Berlinerin 1960 auf die Welt gekommen. Der langjährige Leiter des Spiegel-Hauptstadtbüros gilt als einer der einflussreichsten Journalisten Deutschlands. So veröffentlichen unter anderem auch das Wall Street Journal und das Deutschlandradio seine Beiträge. Auch als Autor ist er überaus erfolgreich, seine Einschätzung über die Globalisierung wurde in 20 Sprachen übersetzt, zudem gewann er 2007 den Helmut-Schmidt-Preis für Journalismus,
Im selben Jahr siedelte Steingart zu Beginn des amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf als Auslandskorrespondent in die USA über und lebt dort mit seiner Ehefrau und ihren gemeinsamen drei Kindern.

Fazit

«Die gestohlene Demokratie» ist eine sehr interessante Analyse der deutschen Politikszene und -historie. Der 72 Seiten umfassende Anhang, der bei dieser Neuauflage des kurz zuvor veröffentlichen Buches «Die Machtfrage» die entscheidende Neuerung darstellt, bietet mithilfe zahlreicher Einschätzungen und Meinungen zu Steingarts Denkanstößen die bei Publikationen selten gebotene Möglichkeit, die Ideen und Auffassungen des Autors noch einmal zu überdenken und sich selbst eine eigene Meinung dazu zu bilden. Ein Muss für alle Interessierten, und ein heißer Tipp auch für Politikmuffel.
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Gabor Steingart: Die gestohlene Demokratie, Piper Verlag, 288 Seiten, 8,95€, ISBN 978-3492258036

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