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De Libris: Die Karte meiner Träume

16. Februar 2010 - 11:45

Sehnsüchte und Träume sind etwas Besonderes. Sie beginnen im Kindesalter und begleiten uns das ganze Leben lang, doch zur freien Entfaltung kommen dürfen sie leider nie. In unserer hektischen und geregelten Welt scheint kein Platz für sie zu sein. Diesem ernsthaften Thema nimmt sich nun ein junger Autor an: Reif Larsens hoffnungsvolles Erstlingswerk «Die Karte meiner Träume» begibt sich mit einer zauberhaften Geschichte auf ein ernsthaftes Terrain - und meistert es mit Bravour.

Text von Stefan Mayer

Es sind solche Sehnsüchte und Träume, die den kleinen T. S. zu einem großen Abenteuer bewegen. Sie führen ihn weg von seiner kleinen Farm in Montana hin auf eine erlebnisreiche Reise an die Ostküste.
Ein kleiner Junge verlässt sein Elternhaus und reist quer durch die Vereinigten Staaten, das klingt nach dem altbekannten amerikanischen Traum, das schreit geradezu nach Mark Twain. Auch wenn die Geschichte einen Teil dieser nostalgischen Stimmung auffängt, so kann man ihren Helden nicht in eine Schublade mit den zahlreichen Nachahmern von Huckleberry Finn und Tom Sawyer stecken. Ebenso wie das Buch selbst ist auch T. S. etwas ganz Besonderes und keiner dieser streichespielenden Hobos. Stattdessen ist er ein wahres Wunderkind, ein Genie von einem Kartographen und Wissenschaftler - und leider auch ein Kind der Tragik.

Schon als er das Licht der Welt erblickt, tauchen die sorgenvollen Seiten des Schicksals auf und trüben die glückliche Stimmung über seine Geburt. Zeitgleich muss nämlich ein unglücklicher Spatz sein Leben lassen, der gegen das Küchenfenster fliegt. Dieses schicksalsträchtige Symbol wird von seiner Familie im zweiten Vornamen des Kindes verewigt, fortan geht er als Tecumseh Sparrow Spivet, durchs Leben, ein Leben, das allerdings noch weitere Schicksalsschläge für ihn bereit halten sollte. Denn seine Kindheit sollte nicht nur Tragisches bringen, sondern auch enden, als sich auf der Farm ein Drama ereignet, das alles verändern sollte. Layton Spivet, der kleine Bruder, stirbt. An jenem Tag sollte das sorgenlose Paradies aufhören zu existieren, denn das Familiengefüge zerbricht an der Last des Unglücks. Es spaltet sich, jeder versucht für sich selbst in vollkommener Autonomität den Verlust zu überwinden und schafft es nicht. Übrig bleibt ein kleiner, überforderter Junge, der die bittere Realität mit kindlicher Naivität zu verdrängen hofft, es nicht schafft und vom Ort des Geschehens davonläuft. In Washington D. C., wo ein renommierter Preis wegen seiner hervorragenden Zeichnungen an ihn verliehen werden soll, sucht er nun den Halt und die Aufmerksamkeit, die er Zuhause nicht bekommt. Er flüchtet in den Schoß der Wissenschaft, hofft dort ein Zuhause zu finden und merkt dass es ganz ohne Familie doch nicht geht.


Fazit

Larsen nutzt die elementare Bedeutung des Dramas um Layton, um sein eigenes sprachliches und bildnerisches Potenzial zu verdeutlichen. Sein Tod ist nicht von Anfang an in allen Einzelheiten greifbar, erst mit der Zeit, wenn T. S. nach und nach das Unglück aufarbeitet, kommen neue Details ans Licht. Doch auch viele andere Geschichten und kleine Details finden in dem Buch Platz, manchmal direkt und offensichtlich, manchmal versteckt platziert. Layton nimmt jedoch so viele davon wahr, dass die Erzählung überladen werden würde. Um dem Forschergeist gerecht zu werden hat sich der Autor etwas ganz besonderes einfallen lassen und einen Raum abseits der Haupthandlung geschaffen, wo Anmerkungen und Skizzen ihren ganz eigenen Platz erhalten. Denn die Buchseiten sind nicht vollständig, wie bei normalen Werken bedruckt, auf jeder Seite bleibt somit Platz für beispielsweise eine kleine Zeichnung. Somit verschwimmen die Konturen zwischen Fiktion und Realität, denn die Randgestaltung erfolgt ja augenscheinlich von T. S. selbst.

Nicht nur durch diese Authenzität gewinnt man den kleinen Helden lieb, sondern auch wegen seinem besonderen Auge für die kleinen Dinge im Leben, die man als Leser durch die Kinderaugen selbst betrachten darf. Auch hier darf man Larsen wieder ein Kompliment machen. Es war nämlich nicht nur eine gute Entscheidung den Abenteurer als Ich-Erzähler auftreten zu lassen, sondern auch das Formen und Gestalten der einzelnen Charaktere ist ihm richtig gut gelungen. Sie sind keine einfachen Nebenerscheinungen, sondern haben auch eine eigene Geschichte zu erzählen, sind Wesen mit einer eigenen Persönlichkeit, Identität und Träumen. Somit bildet sich eine vielschichtige Geschichte, die trotzdem nie überladen wirkt.

Natürlich ist das Erstlingswerk trotdem keineswegs ein perfektes Buch ohne Schwächen. Die richtige Balance, etwa beim Erzähltempo, findet Larsen leider nicht immer. Streckenweise erzählt sich die Geschichte zudem fast schon fest, würde der Eindruck des Beginns nicht noch nachwirken, so hätte sich die Lust am Lesen leider schon allzu schnell erschöpft.

Und ohne zu viel vorweg nehmen zu wollen, aber auch das Ende wirkt nicht ganz gelungen. Gerade im Bezug auf den Grundgedanken, der in den ersten Seiten gelebt wird, wirkt es nicht sonderlich durchdacht konstruiert, sondern passt in die Hektik, die Larsen vor allem gegen Ende walten lässt. Er verliert sein Auge für die kleinen Details und die wohltuende Behäbigkeit und lässt die ansonsten sehr ruhige Geschichte plötzlich immer schneller, pompöser und übertriebener werden. Die Glaubwürdigkeit bleibt mancherorts leider auf der Strecke, stattdessen wird alles förmlich in einen Strudel der Pompösität gezogen. Manche Passagen haben mit dem ruhigen Erzählstil des Beginns außerdem nur noch wenig gemeinsam, sondern wirken vielmehr so, als hätte T. S. sie mit Erlebnissen aus seiner Phantasie gefüllt, sozusagen aus seinen wildesten und unwirklichsten Träumen.

Träume sind das richtige Stichwort: Denn es sind nunmal diese Träume und Sehnsüchte, die das ganze Buch durchziehen und die gelebt werden, die, neben den zahlreichen und wunderschönen Illustrationen, die die Reise des kleinen T. S. zu einem ganz besonderen Buch machen. Larsen hat nicht nur eine trotz aller Schwächen zauberhafte Geschichte geschaffen, sondern auch ein ernsthaftes Themenfeld miteinbezogen. «Die Karte meiner Träume» ist somit ein Märchen über die Kindheit und Reife, ein Drama voller Trauer und Verzweiflung, eine Komposition der Sehnsüchte, ein Lehrstück über das Bedürfnis nach familiärer Geborgenheit und Liebe. Und vor allem eine Liebeserklärung an das Leben selbst.

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«Die Karte meiner Träume» ist Reif Larsens Debütroman.
Foto mit freundlicher Genehmigung des Fischer-Verlages


Reif Larsen: Die Karte meiner Träume, Fischer-Verlag, 320 Seiten, 22,95 €, ISBN 978-3100448118

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